Wissenschaften

Goethes ganz andere Seite

Über die Rolle Johann Wolfgang von Goethes für die Literatur muss nicht viel gesagt werden: Seine Lyrik und Dramen, sämtliche Schriften bis hin zu Briefwechseln sind für den Literaturliebhaber eine Freude zu lesen und von elementarer Bedeutung für die Wissenschaft. Fast könnte man meinen, es gäbe nicht viel Neues zu entdecken an der Person Goethes und seinem Schaffen. Doch die Facetten, die Goethe uns während seines langen Lebens zeigte (er ist immerhin 82 Jahre alt geworden, nicht nur für damals ein denkwürdiges Alter!), sind noch viel umfangreicher: Neben seiner Bedeutung für die Literatur und seinen Funktionen als Politiker und Beamter hat Johann Wolfgang von Goethe auch als Naturwissenschaftler viel gewirkt und erreicht.

Sein reger Kontakt mit zeitgenössischen Forschern wie Alexander von Humboldt sowie seine Entwicklung der Farbenlehre lassen Goethe auch heute noch als Forscher in Erinnerung bleiben. Auch gilt er als Entdecker des menschlichen Zwischenkieferknochens, eine Entdeckung, die wichtig werden sollte für die Evolutionstheorie, wie sie später Charles Darwin beschrieb. Doch blieb er auch in der "trockenen" Wissenschaft immer der geniale Kreative, der über den Tellerrand hinausblickte: Schließlich war für ihn nicht alles seelenlose Wissenschaft und materialistische Theorie - vielmehr war Goethes Wirken viel umfassender und letztendlich auf eine spirituelle und ganzheitliche Weltanschauung ausgerichtet.

Da wir in der heutigen, gern so rationalen Gesellschaft eben dieses fast vergessen haben, ist es geradezu erfrischend und vielleicht auch höchste Zeit, dass Imanuel Klotz mit "Die wohltätige Schlange" diesen Aspekt Goethes wieder in Erinnerung ruft. Fast 200 Jahre nach dessen Tod hat man unweigerlich das Gefühl, der Figur Goethes nichts Neues hinzufügen zu können - zu oft analysiert wurde bis heute jedes niedergeschriebene Wort, bis hin zu Tagebucheinträgen und Briefwechseln. Da ist es sehr wohltuend, wieder eine Betrachtung über Goethe in den Händen zu halten, die auch den versierten Goethe-Kenner mit neuen Facetten überrascht. Hierbei umschifft Imanuel Klotz geschickt die Klippen, die sich bei Literatur über spirituelle Themengebiete fast zwangsläufig jedem Autor stellen, nämlich das Abdriften ins Unglaubwürdige, ja fast zu Belächelnde.

Dies passiert zuweilen, wenn ein Autor blindgläubig Theorien aufstellt oder wiedergibt, die mit der Schulwissenschaft nicht vereinbar sind. Hier jedoch vermeidet der Autor solche Passagen gekonnt und konsequent: Jeder Satz ist belegt, wissenschaftlich fundiert und mit Fußnoten als Quellenangabe oder Erläuterung jeder weitegehenden Betrachtung offen. Das ist sehr wohltuend, da man als Leser nie das Gefühl hat, "auf eine Seite gezogen" werden zu wollen. Stattdessen gelingt es dem Autor, mit dem Buch eine fundierte wissenschaftliche Betrachtung einer spirituellen Strömung mit einer langen Geschichte, der Anthroposophie, zu entwickeln. Dabei wird sich - gleichwohl der Schwerpunkt des Buchs - nicht auf Goethe beschränkt, auch andere Theoretiker werden mit einbezogen, unter ihnen v. a. Rudolf Steiner, Begründer u. a. der Anthroposophie und der Waldorf-Schule, Karl König, Gründer der Camphill-Bewegung, und Friedrich Benesch. Gerade Steiner als Begründer des anthroposophischen Goetheanismus schlägt die Brücke von Goethe zur Neuzeit, sodass Goethes zeitloses Streben nach einer ganzheitlichen Weltanschauung heute aktueller denn je wirkt.

Gerrit Koehler
12.01.2015

 
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Das Buch:

Imanuel Klotz: Goethes Leben im Rhythmus von sieben Jahren

Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2014
436 S., 26,80
ISBN: 978-3-8372-1449-9

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