Wissenschaften

Sachliteratur der Superlative und zudem eine faszinierende Reise in die Welt des Mittelalters

Seit jeher zählen Handschriften, insbesondere die aus dem Mittelalter (etwa zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert), zu den aufregendsten Zeugnissen längst vergangener Zeiten und deren Gesellschaft. Christopher de Hamel, einer der international angesehensten Paläografen, stellt eine Auswahl dieser "Artefakte" vor. In "Pracht und Anmut" führt er uns den Glanz des Mittelalters anschaulich vor Augen. Was es hier zwischen zwei Buchdeckeln zu entdecken gibt, ist absolut unglaublich. Um dem wahren Wesen des "Augustinus-Evangeliar", des "Codex Amiatinus", des "Morgan-Beatus" auf die Spur zu gelangen, reiste der Autor immer direkt zu den Originalen, von Los Angeles bis Sankt Petersburg, von Kopenhagen über München nach Florenz. Er nimmt uns mit und bringt uns schon ab der ersten Seite zum Staunen wie kaum jemand sonst. Geschichte mal anders!

Im Zwiegespräch mit diesen Kostbarkeiten und ihrem wechselvollen Schicksal entfaltet sich ein Jahrtausend Geschichte. Ob das geheimnisvolle Stundenbuch der Königin von Navarra, der "Kopenhagener Psalter" oder das "Book of Kells" - der Leser und Betrachter begegnet Herrschern und Heiligen, Künstlern und Dieben, Bibliothekaren und Sammlern, einer verschworenen Gemeinschaft von Gelehrten, die den Weg der Handschriften beeinflussten. Und wird Zeuge, wie sie behütet und gestohlen, versteckt und wiederentdeckt wurden. Wie sie verwickelt waren in Tragödien voller Leidenschaft und Gier, in kirchliche oder politische Ränke und zu Symbolen für Schönheit, Luxus und nationale Identität aufstiegen. De Hamel entwirft ein glanzvolles Epos um Kunst, Glauben und Macht, wie es sich im Zauber zwölf faszinierender Handschriften manifestiert.

Ein Sachbuchhighlight, an das kaum etwas anderes heranzureichen vermag - "Pracht und Anmut" beweist, dass Christopher de Hamel ein unschlagbar genialer Experte für mittelalterliche Manuskripte ist. Er macht Wissenschaft zu einem Ereignis mit "Wow!"-Effekt. Sein "Debüt" hat 2016 den Duff Cooper Prize und 2017 den Wolfson History Prize gewonnen. Vollkommen zu Recht, denn zwischen zwei Buchdeckeln eröffnet sich dem Leser eine faszinierende wie auch mitreißende Lektüre, die ihn für länger als einen Nachmittag oder Abend fesselt und restlos begeistert. Man kann kaum glauben, was man hier in die Hände kriegt: nämlich neben erstklassiger Unterhaltung außerdem Dinge, die so nirgendwo anders nachzulesen sind. Solch ein wissenschaftlich großer Wurf macht ganz atem- und sprachlos über viele Stunden lang. Chapeau! Hut ab vor de Hamels Meisterleistung!

Auch Sachbücher können künstlerisch höchst wertvoll sein, zumindest wenn es sich um eines aus Christopher de Hamels Feder handelt. Ihm gelingt mit "Pracht und Anmut" eine absolute Sensation in der Sachliteratur. Eine Reise durch Raum und Zeit tritt an, wer den Spuren zwölf bedeutender mittelalterlicher Handschriften folgt. Und man möchte gar nicht, dass dieser Geschichtsausflug jemals ein Ende nimmt.

Susann Fleischer
03.12.2018

 
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Das Buch:

Christopher de Hamel:
Pracht und Anmut - Begegnungen mit zwölf herausragenden Handschriften des Mittelalters. Aus dem Englischen von Michael Müller

Bild: Buchcover Christopher de Hamel, Pracht und Anmut

München: C. Bertelsmann Verlag 2018
752 S., € 48,00
ISBN: 978-3-570-10199-5

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