Hrbcher

Wenn Fische vom Himmel fallen

Es regnet Fische. Fische fallen vom Himmel, auf den Dom. Elritzen, Lachse und Aale prasseln auf Straßen und Dächer hernieder. Im Zuge der Aufräumarbeiten wird in einem Abfalleimer ein künstliches Hüftgelenk gefunden. Die beiden Hauptkommissare Zorn und Schröder beginnen ihre Ermittlungen nach dem Besitzer dieses abhanden gekommenen Körperteils. Rasch kann Donata Zettl als dieser ausgemacht werden, doch fehlt von ihr jegliche Spur. Die Kommissare nehmen den Ehemann der Gesuchten in die Mangel. Gregor Zettl ist in etwa so merkwürdig wie die vom Himmel gefallenen Fische. Ein schräger Typ, der vor vielen Jahren einmal als gefeierter Popstar auf der Welle seines Lebens ritt. Doch haben die vergangenen Jahre und nun auch noch das Fehlen seiner ehemaligen Managerin und jetzigen Ehefrau Spuren hinterlassen. Zettl befindet sich in völliger Hilflosigkeit und Unselbständigkeit, sitzt in seinem Haus ohne Strom und weiß weder ein noch aus. Doch nicht nur die Polizei sucht nach Zettls Frau, sondern auch ein Unbekannter, der mysteriöse schwarze Mann.

Der hochgradig skurrile Beginn mit den vom Himmel fallenden Fischen schafft einleitend sogleich eine Atmosphäre mit dem perfekten Vorgeschmack auf den neuesten Fall von Zorn und Schröder. Die beiden ungleichen Hauptkommissare bilden seit jeher ein Paar, das im wirklichen Leben in etwa so vorstellbar ist wie Fische, die urplötzlich vom Himmel fallen. Der Antipathie-Träger Zorn befindet sich aktuell in einem desolaten Zustand, nachdem sich seine Freundin, obwohl sie ein Kind von ihm erwartet, von ihm getrennt hat. Aber auch Muttersöhnchen Schröder hat derzeit gewaltig zu knabbern. Den Tod seiner Mutter hat er noch lange nicht verarbeitet, geschweige denn kann er mit den Hinterlassenschaften seiner Eltern abschließen. So unterschiedlich Zorn und Schröder sowie ihre Lebenskrisen auch sein mögen, zumindest tun sich die beiden gegenseitig gut.

Stephan Ludwig hat mit "Zorn - Kalter Rauch" den mittlerweile fünften Teil seiner erfolgreichen Krimi-Serie herausgebracht. Anno 2012 hatte er "Zorn - Tod und Regen" veröffentlicht, drei weitere Teile waren in der Zwischenzeit erschienen, die ersten Folgen sind sogar schon mit Mišel Matičević und Axel Ranisch in den Hauptrollen verfilmt und in der ARD ausgestrahlt worden. Ludwig hat mit den beiden schrägen Ermittlertypen einen Volltreffer gelandet, und das Publikum sie ins Herz geschlossen. Doch nicht nur die TV- und die Print-Ausgaben erfreuen sich größter Beliebtheit, auch die Hörbücher finden reißenden Absatz, zumal mit David Nathan einer der größten Sprecher dieser Tage die Fälle liest und damit den Erfolg bereits vorab garantiert. Erstmals hat sich der herausgebende Argon Verlag dazu durchringen können, eine vollständige Lesung in Form von zwei mp3-CDs zu beauftragen, nachdem die ersten vier Fälle noch in komprimierter Form jeweils auf sechs CDs gepresst worden waren.

Die vorliegende Folge kostet so manchen Hörer allerdings womöglich ein wenig Überwindung, da sie von vorne bis hinten ziemlich skurril und ekelerregend daherkommt. Auch ist der Aufbau gewöhnungsbedürftig, da er sich praktisch auf zwei Stränge fokussiert und diese ausschlachtet. Neben der Weiterentwicklung der beiden Protagonisten und ihrer zwischenmenschlichen Beziehung richtet sich der Scheinwerfer ansonsten nahezu ausschließlich auf Gregor Zettl, dessen ekliges Erscheinungsbild selbst in den mp3-Tracks transparent rüberkommt. Die am Ende des vierten Teils vollzogene Ernennung von Schröder als neuem Chef von Zorn und dem damit eingeleiteten Hierarchiewechsel ändert am Binnenverhältnis der beiden nichts. So nennt der devote Schröder Zorn immer noch "Chef", obgleich dies ja nun umgekehrt der Fall wäre.

Trotz einigen Anpassungsbedarfs, der seitens Leser und Hörer notwendig sein wird, hat Stephan Ludwig mit "Zorn - Kalter Rauch" seine Serie um Zorn und Schröder ordentlich nach vorne gebracht und mit dem Fall um den schrägen Zettl erneut eine Geschichte abgeliefert, die mal wieder erheiternd, völlig "strange" und eben einfach anders in Personalunion war. Seit dem vierten Fall allerdings sorgen sowohl der für die Bücher verantwortliche S. Fischer Verlag als auch der Argon Verlag auf den Klappentexten in ihrer Beschreibung von Stephan Ludwig mit dem Satz "Er lebt und raucht in Halle" für ein Statement, das im 21. Jahrhundert hierzulande praktisch nur mit Kopfschütteln quittiert werden kann. Eine Leidenschaft fürs Rauchen mag ja bei fiktiven Charakteren vielleicht  noch akzeptabel sein, aber bei einer realen Person dieses Laster derart zu betonen, erscheint höchst fragwürdig. Schließlich benötigen die Bücher aus Ludwigs Feder kein solch zweifelhaftes Marketing!

Christoph Mahnel
21.12.2015

 
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Das Buch:

Stephan Ludwig: Zorn - Kalter Rauch

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Sprecher: David Nathan
Berlin: Argon Verlag 2015
Spieldauer: 779 Min., 16,95
ISBN: 978-3-839-81419-2

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