Hrbcher

Fiktion ist Realitt ist Fiktion

Die erfolgreichen Tage des Schriftstellers M. liegen weit zurück. Einst hatte er mit "Abrechnung" einen großen Erfolg gefeiert und damit in den Niederlanden eine Reputation als angesehener Autor erlangt, von der er noch jahrzehntelang trotz zahlreicher schwächerer Werke zehren sollte. In besagtem Bestsellerroman hatte er eine auf einer wahren Begebenheit basierende Geschichte mit seiner schriftstellerischen Freiheit fiktiv ausstaffiert. Ein Gymnasiallehrer hatte ein Verhältnis mit einer Schülerin begonnen, doch von dieser nach kurzer Zeit den Laufpass erhalten. In den Weihnachtsferien hatte er dann die Schülerin, die mit ihrem neuen Freund gerade ein paar Tage im Ferienhaus der Eltern verbrachte, aufgesucht und war danach spurlos von der Bildfläche verschwunden. Der Verdacht, dass die beiden Jugendlichen ihren Lehrer ermordet hatten, lag trotz fehlender Leiche nahe, konnte jedoch nie nachgewiesen werden.

Jahrzehnte später im Hier und Jetzt erhält M. nun aus heiterem Himmel Briefe von einem Unbekannten, der einem Stalker ähnlich von vielen Details aus dem Umfeld des Schriftstellers zu berichten weiß und anklingen lässt, dass er in irgendeiner wie auch immer gearteten Verbindung zu ihm stehe, die - wie der geschulte Hörer sicherlich schon ahnt - wohl mit dessen Erfolgsroman "Abrechnung" zu tun haben muss. Was hat der geheimnisvolle Unbekannte, der sich scheinbar im unmittelbaren Umfeld des Schriftstellers bewegt, mit M. vor? Wird letzterem nun seine eigene Phantasie zum Verhängnis, mit der er in "Abrechnung" die weißen Flecken in der Geschichte um den verschwundenen Lehrer ausfüllte? Oder haben einst gar beide, M. und der unbekannte Briefeschreiber, maßgeblichen Einfluss auf die reale Geschichte genommen?

Herman Koch ist kein fiktiver Schriftsteller, sondern ein ganz realer Artgenosse aus den Niederlanden, der in den letzten Jahren mit seinen klugen Romanen überzeugt und begeistert hat. Seinen Durchbruch auf dem deutschsprachigen Markt feierte er vor knapp fünf Jahren mit "Angerichtet" und seinem geschickten Spiel mit dem Leser bezüglich dessen Festlegung auf Täter und Opfer. "Sommerhaus mit Swimmingpool" und "Odessa Star", letzteres ein Werk aus früheren Jahren Kochs, folgten darauf, so dass "Sehr geehrter Herr M." nun bereits das vierte bei Kiepenhauer & Witsch verlegte Buch Kochs auf dem deutschen Büchermarkt ist. Zeitgleich wurden für die vier Werke auch Audio-Produktionen des Berliner Argon Verlags veröffentlicht.

Wer sich Kochs Werken hingibt, muss die Bereitschaft an den Tag legen, sich aus seiner Konsumenten-Komfortzone herausschubsen zu lassen. Denn Koch liebt es, Spuren zu legen, die sich im Kopf von Leser und Hörer zu Bildern verfestigen, vom Autor hernach jedoch gerne in eine andere Richtung geführt werden. In "Sehr geehrter Herr M." verlangt Koch eine geistige Flexibilität, die zwischen verschiedenen zeitlichen Ebenen zu unterscheiden und vor allem Realität und Fiktion scharf voneinander zu trennen vermag. Darüber hinaus verstößt der Autor mit Kalkül gegen ungeschriebene Gesetze des Schreibens, indem er beispielsweise Namen mehrfach vergibt oder Cliffhanger unaufgeregt versanden lässt.

Das vorliegende Hörbuch ist als überarbeite Lesefassung auf sechs CDs produziert worden. Knapp siebeneinhalb Stunden lauscht der Hörer gefesselt dem intelligenten Spiel des Autors und der Stimme Johannes Stecks. Als Hörbuchsprecher hat sich Steck insbesondere mit der Vertonung der Jahrhundert-Saga Ken Folletts einen Namen und viele Freunde gemacht. Mit seiner feinregulierten Tonalität unterstützt er das Hörerlebnis optimal. Darüber hinaus ist den Produzenten des vorliegenden Hörbuchs ein großes Kompliment auszusprechen, da eine Kürzung der 400 Seiten umfassenden Buchvorlage auf sechs CDs bei diesem komplex angelegten Plot sicherlich eine große Herausforderung darstellte, die jedoch beim Hörer zu keinen Beanstandungen führt und damit definitiv als bravourös gemeistert gewertet werden darf.

Herman Koch hat es in "Sehr geehrter Herr M." verstanden, sowohl einen subtilen Thriller auf dem Niveau eines Håkan Nessers abzuliefern als auch ein virtuoses Spiel auf vielen Ebenen, das Leser und Hörer ständig fordert, eigene Bilder zu korrigieren und Realität von Fiktion zu unterscheiden. Ganz nebenbei hat Koch auch seine ganz persönliche Abrechnung mit Lehrern und Schriftstellern vorgenommen. Darüber hinaus legt er M. und dessen Vater noch einige Aussagen in den Mund, die in den Niederlanden einem Tabubruch gleichkommen dürften. Doch der hiesige Literaturfreund genießt es, wenn ein solch streitbarer und kluger Geist wie Herman Koch seiner ihm eigenen Art freien Lauf lässt.

Christoph Mahnel
30.03.2015

 
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Das Buch:

Herman Koch: Sehr geehrter Herr M.

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Mnchen: Knesebeck Verlag 2013
264 S., 14,95
ab 10 Jahren
ISBN: 978-3-86873-584-0

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