Hrbcher

In einem Land vor unserer Zeit

Im unwirtlichen Norden Islands, der sagenumworbenen Insel im Nordatlantik, taten sich in den Zwanziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts menschliche Abgründe auf. Am 13. März 1828 wurden auf dem Illugastaðir-Hof der dortige Besitzer Natan Ketilsson und ein gewisser Pétur Jónsson kaltblütig ermordet. Zur Vertuschung der Tat wurde anschließend der gesamte Hof in Flammen gesetzt. Für die Tat verantwortlich gemacht wurden die Magd Agnes Magnúsdóttir, die als Bedienstete am Illugastaðir-Hof beschäftigt war und die Geliebte des Hausherrn gab, sowie der halbstarke Friðrik Sigurðsson mit seiner jungen Verlobten. Am 12. Januar 1830 wurde dem irdischen Dasein Agnes Magnúsdóttirs und Friðrik Sigurðssons mit der Axt des Henkers ein gewaltsames Ende bereitet. Ihre Hinrichtung markiert einen Meilenstein in der isländischen Geschichte, waren sie doch die beiden letzten zum Tode Verurteilten Islands.

Die junge australische Schriftstellerin Hannah Kent war Anfang der Nuller Jahre im Rahmen eines Schüleraustauschs zu Gast auf Island und wurde dort mit der Geschichte Agnes Magnúsdóttirs konfrontiert. Von diesem Zeitpunkt an ließ sie das Schicksal dieser Frau nicht mehr los. Viele Jahre recherchierte sie, zum Teil auch wieder vor Ort, die Umstände dieses Falls und arbeitete sich intensiv in die isländische Geschichte der damaligen Zeit ein. Peu à peu fügte sich in ihrem Kopf dabei ein Bild zusammen, das primär alle verfügbaren Fakten berücksichtigt und sich hinsichtlich der weißen Flecken mit Hannah Kents Phantasie behelfen konnte. Herausgekommen ist dabei eine - von der Autorin als solche bezeichnet - "spekulative Biografie" einer isländischen Frau des 19. Jahrhunderts, die im Bestseller "Das Seelenhaus" dieser Tage den deutschen Buchmarkt erreichte.

Hannah Kent konzentriert sich im Haupterzählstrang auf die Periode zwischen Tat und Tod, als nämlich die verurteilte Agnes Magnúsdóttir auf die Bestätigung des Todesurteils durch den dänischen König wartete. In dieser Zeit wurde die Verurteilte der Familie eines Dienstmannes zugeteilt, wo sie bis zur Vollstreckung des Urteils als Hilfe im Haushalt dienen sollte. Die anfänglichen Berührungsängste verflüchtigen sich allmählich, nachdem sukzessive das Bild von der gefühlskalten Mörderin bröckelt und eine Frau ersichtlich wird, mit der es das Leben selten gut gemeint hatte. Die Lebensgeschichte der Agnes Magnúsdóttir ergibt sich nach und nach aus ihren Gesprächen mit der Hausherrin und deren jüngster Tochter, die als erste die Scheu ablegt, mit Agnes in Kontakt zu treten. Darüber hinaus ist der junge Pfarrvikar Thorvadur ein wichtiger Gesprächspartner für die dem Tode Geweihte.

Die vorliegende Lesung von Hörbuch Hamburg wurde als gekürzte Fassung auf sechs CDs herausgebracht. Hinsichtlich des Vortrags entschied man sich für eine Doppellösung: Tobias Kluckert nimmt sich dem berichtenden Haupterzählstrang an, während Vera Teltz die Passagen aus der Perspektive von Agnes zum Besten gibt. Dieses Wechselspiel sorgt dafür, dass die Zeit trotz der bedrückenden Atmosphäre höchst kurzweilig verfliegt. Die stimmliche Trennung korreliert außerdem mit den unterschiedlichen Bildern, die über Agnes existieren. Da wäre neben dem einmal verhängten und unverrückbaren Urteil der breiten Masse über eine Mörderin die Frau, die als Bastard einer Dienstmagd geboren, als kleines Kind von ihrer Mutter verstoßen und im Laufe der Zeit von jedermann herumgeschubst wurde. Das Bild der wirklichen Agnes setzt sich so erst im Laufe der Geschichte zusammen, wenn Agnes von den Menschen, die nicht nur die Mörderin in ihr sehen wollen, animiert wird, von sich zu berichten.

"Das Seelenhaus" ist ein höchst ungewöhnliches Werk, und zwar in vielerlei Hinsicht. Da wären an allererster Stelle Zeit und Ort zu nennen. Die Autorin versteht es, Leser und Hörer gedanklich mit ihrer auch sprachlich sehr gelungenen Erzählung in ein Island von vor knapp zweihundert Jahren zu versetzen. Die Idee Hannah Kents, die fast verschollene Geschichte einer hingerichteten Dienstmagd zu recherchieren und in einer Mischung aus Fakten und Fiktion in Szene zu setzen, ist schlichtweg grandios. "Das Seelenhaus" gehört zu denjenigen Neuerscheinungen, für die es in der Rubrik "Zu empfehlen für Freunde von" nur schwerlich einen Eintrag geben wird, da es kaum Vergleichbares in diesem Genre gibt. Für dieses Debüt verdient die junge australische Autorin daher sowohl in der A- als auch in der B-Note die Höchstpunktzahl.

Christoph Mahnel
22.09.2014

 
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Das Buch:

Hannah Kent: Das Seelenhaus

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Sprecher: Vera Teltz und Tobias Kluckert
Hamburg: Hrbuch Hamburg 2014
Spielzeit: 465 Min., 19,99
ISBN 978-3-899-03918-4

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