Hörbücher
Lost in Cyberspace
Der 16-jährige Nick beobachtet an seiner Schule am Rande von London ein höchst merkwürdiges Verhalten bei einigen seiner Mitschüler. Peu à peu bekommt er mit, dass irgendetwas unter der Hand herumgereicht wird. Nicks Neugier ist geweckt, doch schweigen sich die anderen konsequent über den mysteriösen Inhalt aus, bis Nick eines Tages selbst ein Paket überreicht bekommt.
Dieses Paket enthält eine CD mit einem außergewöhnlichen Computerspiel: "Erebos" ist ein Rollenspiel, das durch ein höchst interaktives Zusammenspiel der Mitspieler geprägt ist. Es bezieht dabei die reale Welt mit ein, da die Mitspieler in "Erebos" Aufgaben gestellt bekommen, die sie in der Realität durchzuführen haben. Nick ist vollkommen fasziniert und gefesselt von diesem Spiel und gerät immer weiter in dessen Sog hinein. Er findet kaum noch Schlaf, damit er auch ja nichts in "Erebos" verpasst. Die Aufgaben selbst stellen teilweise große persönliche Herausforderungen dar, die jeden Mitspieler die eigenen Grenzen überschreiten lassen. Schließlich erhält Nick den Auftrag, einen seiner Lehrer zu vergiften. Ist Nick tatsächlich bereit, auch diesen Schritt gehen?
Die österreichische Schriftstellerin Ursula Poznanski veröffentlicht schon seit geraumer Zeit insbesondere Kinder- und Jugendbücher, doch gelang ihr erst in diesem Jahr mit dem Geocaching-Thriller "Fünf" der große Durchbruch in die Bestsellerlisten. Gemäß der üblichen Marktmechanismen ist im Zuge dessen das Interesse der Öffentlichkeit an früheren Werken der Wienerin sprunghaft gestiegen. Bereits 2010 war aus Poznanskis Feder der Jugendbuchthriller "Erebos" erschienen. Auch damals schon hatte der Münchener Hörverlag dieses Frühwerk Poznanskis mit einer gekürzten Lesung durch Jens Wawrczeck gelungen vertont. Um dem gestiegenen Interesse Rechnung zu tragen, hat man auf der Welle des Erfolgs das vorliegende Hörbuch als preisgünstigere Neuauflage mit einem weiteren Marketing-Push versehen.
Die Lesung von "Erebos" garantiert über die gesamten siebeneinhalb Stunden hinweg Hochspannung pur, selbst Hörer, die ihren Lebensschwerpunkt außerhalb von Computer- und Rollenspielen haben, werden der Handlung begeistert folgen können. Ursula Poznanski greift in "Erebos" eine sehr aktuelle und brisante Thematik auf. Die Entwicklungen des Internets und von Computerspielen erlauben ungeahnte Möglichkeiten, insbesondere Kinder und Jugendliche in Parallelwelten des Cyberspace zu entführen und dabei zu verführen, da sie sich in der sozialen Anonymität dort eventuell besser behaupten können als in der Realität und dadurch sämtliche Kontakte in der realen Welt völlig vernachlässigen.
Ein Pfund, mit dem das vorliegende Hörbuch wuchern kann, ist natürlich die Besetzung der Sprecherposition. Hierfür konnte nämlich kein Geringerer als Altmeister Jens Wawrczeck gewonnen werden. Die Stimme des knapp Fünfzigjährigen ist geprägt durch seine denkwürdige Rolle als Peter Shaw in der Erfolgsserie "Die drei ??? ", in der er seit über dreißig Jahren dem Detektiv seine Stimme verleiht. Folglich stellt sich bei den Vertretern der Generation "Um die 40" stets Gänsehaut ein, wenn die markante Stimme Wawrczecks erklingt. Aus dieser Perspektive heraus passt Wawrczeck altersgruppenmäßig hervorragend in die Riege der handelnden Jugendlichen in "Erebos". Seine Stimme ist stets ein Genuss und auch in diesem Hörbuch wird deutlich, warum er als Hörbuch- und Hörspielsprecher seit vielen Jahrzehnten hochgradig erfolgreich und gefragt ist.
Die spannende Frage, die sich dem interessierten Hörer von "Erebos" stellt, ist, ob die Handlung darin tatsächlich Science-Fiction-Elemente enthält oder ob diese nicht schon bereits allesamt realisiert sind. Unabhängig davon liefert das vorliegende Hörbuch eine schlüssige Story, wobei Ursula Poznanski wie auch schon in ihrem Erfolgsthriller "Fünf" mit neuen Ideen und einer Thematik glänzt, die zwar sehr naheliegend ist, doch in der Literatur noch nicht breitflächig aufgegriffen worden ist. Die Autorin hat eine gelungene Story rund um ein brandaktuelles Thema herumgebastelt. "Erebos" lotet das Potential aus, inwieweit Computerfreaks in einer Parallelwelt gefügig gemacht werden können und welche Gefahren dies sowohl im Hier und Jetzt als auch zukünftig mit sich bringt. "Erebos" ist ein Jugendbuchthriller, der auch bei Erwachsenen viel Anklang findet, und glänzt mit einem Spannungsbogen, der Schritt für Schritt angezogen wird und einige Überraschungen auf der Wegstrecke bis hin zum Finale bereithält.
Christoph Mahnel
23.07.2012







