Hrbcher

Pedro Camacho und die geschiedene Bolivianerin

Am 7. Oktober 2010 wurde bekannt gegeben, dass der Nobelpreis für Literatur an den peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa gehe. Typischerweise ist eine solche Ankündigung Grund genug für viele Buchverlage, die eigenen Verlagsprogramme mit dessen Werken zu bestücken, und für viele Buchhändler, die Auslagen und Büchertische mit dem gesamten Repertoire des Auserwählten zu versehen. Im Falle des Münchener Hörverlags und dem vorliegenden Hörspiel "Tante Julia und der Kunstschreiber" mag man dies mehr als begrüßen, da es bereits viel zu lange gedauert hat, dass dieser höchst unterhaltsame Ohrenschmaus auf den Weg und den Markt gebracht worden ist.

Bereits 1977 hatte Mario Vargas Llosa das dem Hörspiel zugrundeliegende Buch geschrieben und veröffentlicht. Einer Verfilmung im Jahre 1990 unter dem Titel "Julia und ihre Liebhaber" folgte im Jahre 2002 die Produktion eines Hörspiels durch das Schweizer Radio DRS. Für den deutschen Markt hat der Hörverlag nun eine Neuerscheinung dieses zehn CDs umfassenden Kunstwerks in Angriff genommen. Dabei schreit "Tante Julia und der Kunstschreiber" seines Inhalts wegen förmlich nach einer Vertonung. Schließlich steht mit der skurrilen Figur des Pedro Camacho ein Hörspielschreiber selbst im Zentrum des Geschehens. Doch alles der Reihe nach:

Der 18-jährige Ich-Erzähler Mario vernachlässigt das Jura-Studium durch seine Nebentätigkeit als Redakteur bei Radio Panamericana und Radio Central. Dort trifft er auf den gefeierten Star des Äthers im Lima der Fünfziger Jahre: Pedro Camacho. Dessen Hörspielserien sind Kult in der peruanischen Hauptstadt, und seine Schaffenskraft scheint einzigartig. Mehrere Hörspiele schreibt und produziert er tagtäglich. Die Hörerschaft lechzt förmlich nach seinen Geschichten und Erzählungen. An eine Unterbrechung des Erfolgs ist nicht zu denken, so dass Camacho unbeirrbar seinen Weg geht und Hörspiel um Hörspiel schreibt.

Derweil lernt Mario Tante Julia kennen, eine Schwester seiner angeheirateten Tante Olga. Die 32-jährige Julia ist Bolivianerin und frisch geschieden. Zwischen den beiden entwickelt sich langsam, aber sicher eine zärtliche Romanze, die natürlich vor der gesamten Verwandtschaft geheim gehalten werden muss. Doch es kommt, wie es kommen muss: Pedro Camachos Hörspielserien verselbständigen sich, Figuren wechseln von einer Serie in die andere, nicht nachvollziehbare Ungereimtheiten verwirren die Hörer, und die mittlerweile zu einer Liebe gewachsene Beziehung zwischen Mario und Julia fliegt auf.

Auf 10 CDs hat das Schweizer Radio DRS ein fesselndes Hörspiel inszeniert, das den Hörer aus vielerlei Gründen gefangen nimmt: Zum einen ist da die abwechslungsreiche Integration von Hörspielen aus der Feder Pedro Camachos in die eigentliche Rahmenhandlung um Mario und Julia, zum anderen ist das Spiel der einzelnen Sprecher brillant, so dass man sich wünscht, der stetig wachsende Hörbuchmarkt möge viel mehr Hörspielproduktionen dieser Art hervorbringen. Insbesondere die Sprecherin der Julia, Herlinde Latzko, liefert mit ihrer verführerisch angehauchten Stimme eine für den Hörer lebendige Femme fatale ab, die der Silhouette der Tante Julia auf der CD-Box förmlich Leben einhaucht.

"Tante Julia und der Kunstschreiber" begeistert durch insgesamt neun in die Handlung integrierte Hörspiele Pedro Camachos. Im fortschreitenden Stadium bemerkt auch der dem Klang der spanischen Namen unkundige Hörer aus den hiesigen Breiten die Redundanzen, Überlagerungen und Inkorrektheiten hinsichtlich der verschiedenen Protagonisten aus den zahlreichen Hörspielserien Pedro Camachos. Dabei sind die grotesken Geschichten, die jeweils als 30- bis 45-minütige Exkurse eingeschoben worden, selbst kleine Juwelen im großen Ganzen: Sei es die Geschichte vom Fußball-Schiedsrichter, der als Tänzer auf dem Fußballfeld Berühmtheit erlangt, oder sei es Pater Seferino, der mit seiner bewaffneten Predigt überall aneckt - die Hörspiele im Hörspiel verleihen dem vorliegenden Werk eine ganz besondere Note.

Mario Vargas Llosa hat in "Tante Julia und der Kunstschreiber" letztlich zwei Geschichten untergebracht: Seine eigene Vita nämlich kennt eine frappierend ähnliche Situation wie die des Protagonisten. Als Neunzehnjähriger heiratete Mario Vargas Llosa die zehn Jahre ältere Schwester einer Schwägerin der Mutter - wenig überraschend namens Julia. Auch weisen die Werdegänge und Interessen des fiktiven Mario und des realen Mario weitere zahlreiche Parallelen auf. Darüber hinaus beinhaltet das vorliegende Hörspiel mit den Radioseifenopern Pedro Camachos eine Medien- und Gesellschaftssatire, die umso beachtlicher ist, bedenkt man, dass sie bereits vor etwa dreieinhalb Jahrzehnten zu Papier gebracht worden ist. Nichtsdestotrotz sind die Radio-Novelas und ihre Wirkung auf die Menschen aktueller denn je. Auch wenn "Tante Julia und der Kunstschreiber" zu den eher leichter les- und hörbaren Texten Mario Vargas Llosas gehört, mag der Hörer nach über zwölf Stunden bester Unterhaltung dem Nobelpreis-Komitee für seine Entscheidung im vergangenen Jahr gratulieren und beipflichten, denn selten hat Literatur so köstlich amüsiert.

Christoph Mahnel
31.01.2011

 
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Das Buch:

Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber. Aus dem Spanischen von Heidrun Adler

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Sprecher: Andr Jung, Herlinde Latzko, Christopher Bantzer
Mnchen: Der Hrverlag 2010
Spielzeit: 723 Min., 29,95
ISBN: 978-3-86717-725-2

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