Hrbcher

Eiskalte Killer im nordischen Winter

Wer hierzulande nach packenden Kriminalromanen gefragt wird, stößt bei der Nennung der zugehörigen Autoren garantiert sehr bald auf einige der schwedischen Erfolgsschriftsteller: Henning Mankell, Håkan Nesser und Stieg Larsson haben in den vergangenen Jahren die deutschen Bestsellerlisten reichlich bevölkert und oftmals geradezu dominiert. Doch beschränkt sich der Erfolg in diesem Genre nicht ausschließlich auf Schweden, sondern lässt sich mindestens auf ganz Skandinavien, wenn nicht gar auf Nordeuropa ausdehnen. Der Däne Jussi-Adler Olsen liegt aktuell mit zwei Titeln in den Top 5 der deutschen Bestsellerlisten, aus Norwegen kommt mit Jo Nesbø ein hierzulande ebenfalls sehr beliebter und erfolgreicher Krimiautor. Selbst Island, das nur gut 300.000 Einwohner zählende nordatlantische Eiland, liefert regelmäßig hochwertige Kriminalgeschichten ab; verantwortlich zeigen sich hierfür vor allem Arnaldur Indriðason und Yrsa Sigurðardóttir. Gibt es eine Erklärung für dieses literarische Phänomen oder sogar einen Zusammenhang zwischen ausufernden Mordfantasien und dem von Mittsommernächten und eisigen Wintern geprägten Menschenschlag im Norden Europas?

Wenn eine Schriftstellerin in dieser oben angerissenen Beletage des "Nordic Crime" fehlt, dann ist es sicherlich die Norwegerin Anne Holt, die sich in den vergangenen Jahren mit ihren tiefgründigen Kriminalromanen einen ganz besonderen Namen gemacht hat. Als studierte Juristin bekleidete Holt in den Neunzigern einst das Amt der norwegischen Justizministerin, bevor sie sich mehr und mehr ihrer Karriere als Autorin widmete. In der Vergangenheit waren es insbesondere ihre Romane um die Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die ihr eine große Fangemeinde einbrachten. In ihrem neuesten Werk "Gotteszahl" kommt ihrer bevorzugten Protagonistin allerdings nur eine Nebenrolle zu, im Mittelpunkt stehen der Ermittler Yngvar Stubø und seine Ehefrau, die Kriminologin Inger Johanne Vik.

Oslo an Weihnachten 2008: Mehrere scheinbar in keinem Zusammenhang stehende Morde beschäftigen die Osloer Polizei und werfen einen Schatten über die alles andere als beschaulichen Feiertage. Eine angesehene Bischöfin ist unter den Opfern, des Weiteren ein Strichjunge, ein obdachloser Junkie, ein streitbarer Künstler und eine in Australien vermutete Touristin. Die Polizeiarbeiten an den einzelnen Fällen verteilen sich über verschiedene Abteilungen hinweg und werden darüber hinaus entsprechend ihrer Priorität mehr oder weniger konsequent verfolgt. Für die Verknüpfung der Fälle zeigt sich schlussendlich Stubøs Ehefrau Inger Johanne verantwortlich, die mit einer Arbeit über hassmotivierte Kriminalität beschäftigt ist und die Morde von einer höheren Perspektive aus in Einklang zu bringen vermag.

Holts Darstellung einer fanatisch-religiösen Gruppierung namens "25" wirkt trotz deren abwegig erscheinender Motivation absolut glaubhaft. Der Hass der "25" auf Homosexuelle war in den USA bereits aktenkundig worden, bevor sich nun der Aktionsradius der "25" auch auf Europa auszudehnen scheint. Doch warum haben diese sich ausgerechnet Norwegen für ihre Gräueltaten ausgesucht? Ist ihnen etwa die liberale Gesellschaftsordnung Norwegens ein Dorn im Auge? Die Fokussierung in "Gotteszahl" auf das Thema "Homosexualität" lässt sich nicht von der Person der Autorin trennen: Anne Holt selbst lebt mit einer Frau zusammen, ebenso wie sich auch in ihren früheren Büchern die Kommissarin Hanne Wilhelmsen in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung befand. Holt schafft es im vorliegenden Werk dennoch, dass Leser und Hörer diesem Thema unvoreingenommen gegenübertreten können. "Gotteszahl" wird gleichsam zu einem Plädoyer für einen rücksichtsvollen Umgang miteinander, der nicht von Hass und Vorurteilen geprägt ist.

Das vorliegende Hörbuch umfasst auf 5 CDs eine Hördauer von mehr als sechseinhalb Stunden, die im Fluge vergehen und einem bei fortschreitender Handlung immer mehr wie Sand zwischen den Fingern durchzurieseln scheinen. Einen Löwenanteil daran trägt der Sprecher Andreas Fröhlich, besser bekannt als die Stimme von Bob Andrews aus der erfolgreichen Hörspielserie "Die drei ???". Bei vielen Hören in den Dreißigern und Vierzigern hat dessen Stimme einen derart prägnanten Wiedererkennungswert, so dass man sich nicht wundern würde, wenn er Yngvar Stubø plötzlich Justus Jonas oder Peter Shaw um Hilfe bitten ließe. In "Gotteszahl" zeigt Fröhlich, dass er auch außerhalb Rocky Beachs ein wahrer Meister der Stimmen ist. Mit viel Emotion und ständigen Wechseln in Stärke und Höhe seiner unverwechselbaren Stimme verleiht er der Lesung des vorliegenden Hörbuchs beinahe Hörspielcharakter. Dennoch hat der Hörer der Lesung zu Beginn ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zu zollen, da den vielen für deutschsprachige Ohren ungewöhnlichen norwegischen Namen kein sofortiger Wiedererkennungswert innewohnt.

Freunde des intelligenten Krimis finden in "Gotteszahl" eine gelungene Umsetzung eines brisanten Themas und eine moralische Note vor, ohne dass der oftmals dazugehörige Finger gehoben wird. Eine stets aufrecht gehaltene Spannung wird über die gesamte Geschichte hinweg weiter auf- und ausgebaut. Das mit interessanten persönlichen Facetten versehene Ermittlerteam Yngvar Stubø und Inger Johanne Vik wächst Leser und Hörer ans Herz und wird von Anne Holts stetig wachsender Fangemeinde garantiert schon sehnsüchtig in einem neuen Fall erwartet.

Christoph Mahnel
25.10.2010

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Anne Holt: Gotteszahl. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

CMS_IMGTITLE[1]

Sprecher: Andreas Frhlich
Hamburg: Osterwold audio 2010
Spielzeit: 396 Min., 24,95
ISBN: 978-3-86952-055-1

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.