Hrbcher

Corona trifft Kannibalismus

Die sensible Privatermittlerin Holly Gibney scheint in einer Lebenskrise angekommen zu sein. Wachgerüttelt aus ihrer Selbstbeschäftigung wird sie allerdings Knall auf Fall durch den Anruf einer gewissen Penny Dahl, die ihre Tochter Bonnie vermisst und mangels Polizeiunterstützung Holly damit beauftragt, sie wiederzufinden. Holly stürzt sich sogleich in die Arbeit und nimmt alle möglichen Spuren auf. Doch die Fährten scheinen immer wieder zu versanden, auch ist allgemeine pandemische Lage sicherlich keine gute Zeit, um vertrackte Fälle wie diesen zu lösen. Im deutlich fortgeschrittenen Alter sind Emily und Roddy Harris, zwei emeritierte Professoren, die ihren Wehwehchen trotzen, aber gelegentlich noch in der Öffentlichkeit auftreten. Im stillen Kämmerlein jedoch haben sie sich auf die Entführung und Schlachtung von Menschen konzentriert.

Wenn die heile Kleinstadtwelt auf menschliche Abgründe trifft, dann hat meistens Stephen King seine Finger im Spiel. So ist es auch in "Holly", dem neuesten Roman aus der Feder des Altmeisters. Bereits der Titel hat seine Fans zur Vorfreude animiert, denn dieser ließ vermuten, dass King in diesem Roman Holly Gibney zur Hauptfigur gemacht haben könnte. Und tatsächlich ist es eine Geschichte um die trotz oder wegen ihrer Macken sympathischen Frau herum, die King im Rahmen seiner "Mr. Mercedes"-Trilogie das Licht der Welt erblicken ließ. Der Autor scheint mit ihr eine Figur erschaffen zu haben, die ihn selbst nicht mehr loslässt. So hat er ihr in "Der Outsider" bereits eine Nebenrolle zukommen lassen und ihr auch in "Blutige Nachrichten" eine Kurzgeschichte auf den Leib geschnitten. Nun erhält sie in "Holly" volle Aufmerksamkeit, aber auch die Verantwortung für einen Fall, der in die Extreme der menschlichen Psyche abgleitet.

Für das parallel zur deutschen Buchausgabe erschienene Hörbuch hat Random House Audio auch wieder alles richtig gemacht, da sie an Bewährtem nichts veränderten. So liest mit David Nathan nun schon seit vielen Jahren ein und dieselbe Stimme Kings Bücher, was sich auch ob dessen fesselnden Vortrags niemals ändern möge. Darüber hinaus gibt es keine Auslassungen in der Geschichte durch etwaige Kürzungen. Random House Audio hat drei mp3-CDs produziert mit einer vollständigen Lesung des Romans, wofür man allerdings mit fast 19 Stunden Laufzeit ein wenig Zeit erübrigen muss. Doch keine Minute davon ist Verschwendung, insbesondere wenn im letzten Drittel die Geschichte so rasant Fahrt aufnimmt, dass man den mp3-Player nicht mehr anzuhalten vermag.

Über Kings Werk zu sprechen, hieße Eulen nach Athen zu tragen, denn kaum ein Schriftsteller auf dem Erdball genießt einen solch großen Bekanntheitsgrad sowie eine Anhängerschaft, die sich über Generationen und Erdteile hinweg erstreckt. Dieser Tage feiert King sein 50-jähriges Jubiläum als Schriftsteller, mit "Carrie", der Geschichte über ein Mädchen mit telekinetischen Kräften, fing einst alles an. Die Liste seiner Werke ist scheinbar unendlich lang und gespickt mit einem Highlight nach dem anderen. Dabei produziert King beileibe keinen Einheitsbrei, sondern hat während seiner Karriere Phasen und Entwicklungen durchlebt, die seine heutigen Werke nicht mehr mit denen aus den siebziger und achtziger Jahren in einen Topf werfen lassen. So ist Holly Gibney in Kings Spätphase entstanden, als ein starker und mit vielen Facetten durchsetzter Charakter, in den sich King offensichtlich verguckt hat und der von ihm über verschiedene Werke hinweg weitergesponnen wird.

Obgleich King in den letzten Jahren deutlich schonender mit seinen Lesern und Hörern umgegangen ist als noch in jüngeren Schaffensphasen, nimmt er sich in "Holly" mit Kannibalismus eines extrem pathologischen Themas an. Sehr prominent hat King in diesem Roman auch die Corona-Pandemie verarbeitet, die nicht ausgeblendet wird, sondern realitätsnah und damit allgegenwärtig ist. Mit strammen Schritten marschiert Stephen King auf das Ende seines achten Lebensjahrzehnts zu, was er in "Holly" in Form der vielen Malaisen des Akademikerpaares verarbeitet. Doch müde scheint King nicht zu werden, auch flacht die Qualität seiner Werke trotz des fortgeschrittenen Alters keineswegs ab. Seine Hommage an Holly Gibney ist ein weiteres Fest für King-Anhänger und auch solche, die es werden möchten. Denn dafür ist es niemals zu spät!

Christoph Mahnel 
27.11.2023

 
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Das Buch:

Stephen King: Holly. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

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Sprecher: David Nathan Mnchen: Random House Audio 2023 Spielzeit: 1121 Min., 28,00 ISBN: 978-3-8371-6492-3

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