Hrbcher

Zwischen persnlicher und menschheitlicher Krise

Der 40-jährige Paolo, seines Zeichens Physiker, Journalist und Dozent für Wissenschaftsjournalismus, befindet sich - salopp gesagt - in einer Midlife-Crisis. Seine Frau Lorenza hat ihm eröffnet, dass sie, nach Jahren der vergeblichen Bemühungen durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden, den Wunsch, ein gemeinsames Kind zu haben, aufgeben möchte und Paolo selbst fühlt sich von den vielen Krisen rund um die Welt erdrückt. Das Ende der Fruchtbarkeitsbehandlungen bei seiner Frau läutet gleichzeitig auch das langsame Sterben der Ehe der beiden ein.

Paolo wählt die Flucht und begibt sich fortan immer wieder auf Reisen, entweder, um für seinen Job bei der Zeitung zu berichten oder um für sein eigenes Buch, eine Betrachtung der Auswirkungen, die die beiden Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki 1945 hatten, zu recherchieren. Bevorzugt reist er nach Paris, wo er bei seinem alten Studienfreund Giulio, der sich selbst in einem schmutzigen Ehe- und Sorgerechtsstreit befindet, unterkommt und gleichzeitig den Physiker und Klimaforscher Jacopo Novelli kennenlernt. Die Episoden über Paolos geschäftliche und private Reisen werden stets von den vielen Terroranschlägen untermalt, die Europa und die Welt in der Zeit zwischen 2015 und 2022 erschütterten.

Der Autor dieser literarischen Betrachtung von sowohl den weltumspannenden Krisen als auch von den persönlichen Krisen derjenigen, die sich in der Mitte ihres Lebens befinden, ist Paolo Giordano. Nicht von ungefähr heißt auch der Ich-Erzähler seines neuen Romans "Tasmanien" Paolo, denn die frappierenden Parallelen zwischen dem Erzähler und dem Autor lassen sich hier nicht leugnen. Der italienische Romancier ist ebenfalls ein Physiker, den es nach seinem Studium in die schriftstellerische und journalistische Ecke zog. Mit seinem ersten Roman "Die Einsamkeit der Primzahlen" gelang ihm 2008 ein fulminantes Debüt, an das er mit seinen Folgeromanen nicht immer anknüpfen konnte. So lässt auch "Tasmanien" seine treuen Leser zwiegespalten zurück. Einerseits bringt dieser "Reality-Roman", der Autor und Erzähler eins werden lässt und in der Lebensrealität des Autors spielt, die angesprochenen Probleme dem Leser sehr nach, doch andererseits ist es genau das Gegenteil, das man gemeinhin von einem Roman erwartet.

Natürlich kann man von einem zeitgenössischen Roman erwarten, dass er genau die Probleme der Zeit thematisiert, doch passiert dies in "Tasmanien" auf so überbordende Weise, dass man der vielen angesprochenen Themen - Klimawandel, Atombomben, Terrorismus, MeToo - schon mal überdrüssig wird und auch den vor sich hin plätschernden Lebenswandel des Protagonisten (und somit auch des Autors) mitunter nicht nachvollziehen und sich damit auch nicht identifizieren kann.

In Paolo Giordanos neuem Roman werden keine Wahrheiten oder konkreten Lösungen gefunden, daher obliegt es dem Leser bzw. Hörer seine Schlüsse daraus zu ziehen. Der Schauspieler und Sprecher Torben Kessler hat die Hörbuchfassung mit gewohnter Exzellenz gesprochen und gibt genau den richtigen Ton an für die Stimmung des Romans. Es sind nämlich die leisen und unaufgeregten Töne, die "Tasmanien" ausmachen und die Kessler - vermutlich ganz im Sinne Giordanos - auch so in die Ohren der Hörer transportiert.

Sabine Mahnel 
02.10.2023

 
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Das Buch:

Paolo Giordano: Tasmanien. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

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Sprecher: Torben Kessler Mnchen: Random House Audio 2023 Spielzeit: 529 Min., 25,00 ISBN: 978-3-8371-6577-7

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