Hrbcher

Hoch droben auf dem Berg

In den Bergen oberhalb des Dorfes Almenen liegt abgeschieden von der Zivilisation die Siedlung Jakobsleiter. Dort leben die Mitglieder einer Alttäufer-Gemeinschaft fast autark vom Rest der Welt. Lediglich die beiden Jugendlichen Rebecca und Jesse besuchen die Schule in Almenen und machen sich tagein, tagaus auf den beschwerlichen Weg ins Tal und wieder retour. Die Menschen in Jakobsleiter werden ganz bewusst gemieden von den Menschen aus dem Dorf, da es sich in der Mehrzahl um verschrobene Gestalten handelt, egal ob Männlein oder Weiblein. Frau Bender, die neue und engagierte Dorfschullehrerin, widersetzt sich jedoch den Warnungen, da sie Jesse ob dessen schulischer Leistungen gerne für eine weiterführende Schule fernab von Jakobsleiter gewinnen möchte.

Beinahe zeitgleich verschwinden Rebecca und Frau Bender von der Bildfläche, letztere kurz nachdem sie Jesses Eltern einen Besuch in Jakobsleiter abgestattet hat. Die junge Zeitungsvolontärin Smilla leidet auch zehn Jahre nach dem Verschwinden ihrer besten Freundin Juli noch immer unter diesem unaufgeklärten Fall. Bei ihren Recherchen nach ähnlich gelagerten Vermisstenfällen stößt sie schließlich im Archiv der Zeitung auf die Siedlung Jakobsleiter. Kann es wirklich sein, dass der Sektencharakter frei erfunden wurde und die Öffentlichkeit von der wahren Identität der Menschen in Jakobsleiter im Ungewissen gelassen werden soll? Falls sich diese Spur bewahrheiten sollte, besteht für Smilla womöglich noch berechtigte Hoffnung darauf, hier die Antworten auf ihre Frage zu erhalten oder gar ihre Freundin wiederzufinden.

"Wolfskinder" lautet der Titel eines Thrillers, der mit Donnerhall den Büchermarkt in diesem Frühjahr durchgerüttelt hat: Kein Morden im eisigen Norden, keine ausgetretenen Pfade, keine Stories, die man schon zigmal gelesen oder gehört hat. Vera Buck ist eine junge und erfrischende Autorin, die bereits mit ihren ersten Romanen erfolgreich war und nun mit "Wolfskinder" einen erstklassigen Bestseller produziert hat. Parallel zur Buchausgabe bei Rowohlt wurde vom Argon Verlag ein Hörbuch produziert, das einen über fast zwölf Stunden hinweg in Atem hält.

Vera Buck hat in "Wolfskinder" eine Struktur gewählt, die die Spannung ins Unermessliche steigen lässt, wenn sie nämlich aus den Blickwinkeln von sechs Protagonisten deren Beobachtungen und Empfindungen zum Besten gibt. Neben der Lehrerin, ihren beiden Schülern und der Zeitungsvolontärin sind dies noch das Sektenoberhaupt von Jakobsleiter und Edith, ein kleines Mädchen aus der Siedlung, das keine Schule besucht, aber dank ihrer Beobachtungsgabe und ihrer Empathie für Tiere geschickt durchs Leben und die Natur wandelt. Vor allem Freigeist, ein ansatzweise domestizierter Wolf, hat es ihr angetan. Der ständige Wechsel zwischen den verschiedenen Charakteren, besetzt durch sechs hochkarätige Sprecher am Mikrofon, sorgt für eine gelungene Dynamik in diesem Thriller der Extraklasse.

Die Autorin hat mit der Siedlung Jakobsleiter und dem ebenfalls abgeschiedenen Dorf Almenen ein Ambiente geschaffen, das bereits von Anfang an verstörend auf den Hörer wirkt. Dazu kommen Charaktere, die derart von ihrer Umgebung geprägt sind, dass deren Handeln kaum prognostiziert werden kann. Schließlich lässt die Autorin durch einige Wendungen die Spannung eskalieren. "Wolfskinder" ist selbst für Vielleser und Vielhörer eine willkommene Abwechslung und wird aufgrund seiner Andersartigkeit und der gelungenen Umsetzung durch die Autorin noch lange im Gedächtnis bleiben. Von Vera Buck dürfte nach diesem Erfolgswerk in der Zukunft noch einiges zu erwarten zu sein.

Christoph Mahnel 
22.05.2023

 
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Das Buch:

Vera Buck: Wolfskinder

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Sprecher: Christiane Marx, Oliver Kube, Marie-Isabel Walke, Laura Maire, Sabine Arnhold, Uve Teschner Berlin: Argon Verlag 2023 Spielzeit: 690 Min., 20,00 ISBN: 978-3-8398-2022-3

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