Hrbcher

Deutsches Reich trifft BRD

Aus den Prozessen des alliierten Großreinemachens mit den führenden Verantwortlichen des nationalsozialistischen Regimes sticht natürlich der initiale Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wie Göring und Hess aus den Jahren 1945 und 1946 hervor. In der Folge war Nürnberg aber noch Schauplatz zwölf weiterer Nachfolgeprozesse wie des sogenannten Wilhelmstraßen-Prozesses. Bei diesem sich über rund anderthalb Jahre erstreckenden Prozess fanden sich führende Angehörige des Auswärtigen Amts und anderer Ministerien auf der Anklagebank wieder. Unter ihnen ein gewisser Ernst von Weizsäcker, der als Staatssekretär unter der Führung Joachim von Ribbentrops bis 1943 eine gewichtige Rolle im Auswärtigen Amt innehatte. Ihm wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, die er vehement bestritt, da er stets eine opponierende Rolle eingenommen habe und unwissend und unschuldig gewesen sei.

In der bundesrepublikanischen Erinnerung ist jedoch vor allem ein Sohn Ernst von Weizsäckers geblieben: Richard von Weizsäcker, geboren im Jahre 1920, war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Sowohl seine Regentschaft als Staatsoberhaupt während der Wiedervereinigung als auch seine Rede vom 8. Mai 1985, als er zum 40. Jahrestag des Kriegsendes von einem "Tag der Befreiung" sprach, sichern Richard von Weizsäcker seinen Platz in der deutschen Geschichte. Zu der Zeit, als sein Vater in Nürnberg auf der Anklagebank saß, war er Student der Rechtswissenschaften und assistierte in Nürnberg tatkräftig dem Verteidiger seines Vaters. Retrospektiv betrachtet waren in diesem Prozess wie wohl an keinem anderen Ort und zu keiner anderen Zeit in der deutschen Geschichte zwei Protagonisten aus zwei grundverschiedenen Systemen derart miteinander verkettet.

Diese Zuspitzung war für Fridolin Schley die perfekte Konstellation für einen Roman: "Die Verteidigung" lautet der Titel des Buches, das in diesem Bücherherbst sicherlich allergrößte Beachtung finden wird. Der Autor hat intensive Recherche zu den handelnden Personen, den Kernpunkten der Anklage und dem historischen Ablauf der Prozesse unternommen. Über diese Grundlagen hinaus hat er sich schließlich in die Protagonisten hineinversetzt und ist primär in die Gedanken- und Gefühlswelt Richards abgetaucht. So finden sich in dem Roman, der mit der Anklageerhebung beginnt und der Urteilsverkündigung endet, viele Abschweifungen Richards in Erinnerungen an die Familie, an den zu Kriegsbeginn gefallenen Bruder und an das mitunter nicht immer einfache Verhältnis zum Vater. Darüber hinaus werden zahlreiche Aspekte und Fragen zur Schuld, dem großen Thema dieser Prozesse, in inneren gedanklichen Monologen gewälzt.

Parallel zur vielbeachten, beim Verlag Hanser Berlin erschienenen Buchausgabe ist von Random House Audio eine ungekürzte Hörbuchausgabe produziert worden. Für die Rolle am Mikrofon wurde dabei die unverwechselbare Stimme Devid Striesows ausgewählt. Der ehemalige Saarbrückener "Tatort"-Kommissar und Charakterschauspieler sorgt mit seiner eindringlichen Lesung dafür, dass man sich als Hörer wahlweise in den Gedankengängen der von Weizsäckers wiederfindet oder aktiv im Schwurgerichtssaal 600, dem Verhandlungsort der Nürnberger Prozesse, wenn Für und Wider zur Anklage von Weizsäckers behandelt werden. Die gelungene Hörbuchausgabe kommt darüber hinaus noch mit einem sehr informativen Booklet daher. In diesem finden sich die wichtigsten Fakten zu sämtlichen Protagonisten, Anklagepunkten und den letztlich gefällten Urteilen. Auf dem Cover prangt eine diffus gehaltene Aufnahme, die Vater und Sohn in einem lockeren Plausch am Rande des Prozesses zeigt.

Fridolin Schley hat sich an einen höchst heiklen Moment der deutschen Geschichte herangewagt und den Mut besessen, diese Konstellation in Form eines Romans zu Papier zu bringen. Das Potential, mit diesem Antritt zu scheitern, war sicherlich enorm, doch hat Schley mit einer gesunden Mischung aus Einfühlungsvermögen und dem Mut, kritische Punkte zu thematisieren, sein Vorhaben eindrucksvoll umgesetzt. Es erscheint beinahe unerhört, dass dieser Moment deutscher Geschichte bis dato so selten erzählt worden und so wenig thematisiert geblieben ist. Aus dem Hier und Jetzt heraus stellt sich dem geneigten Hörer die Frage, ob in der aktuellen Zeit, wo versucht wird, mit jedem Plagiatsverdacht einen Rücktritt herbeizuführen, die Inthronisierung eines Assistenten der Verteidigung eines Kriegsverbrechers zum Bundespräsidenten überhaupt nur annähernde Aussichten auf Erfolg hätte.

Christoph Mahnel 
11.10.2021

 
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Das Buch:

Fridolin Schley: Die Verteidigung

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Sprecher: Devid Striesow Mnchen: Random House Audio 2021 Spielzeit: 523 Min., 24,00 ISBN: 978-3-8371-5166-4

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