Hrbcher

Lang lebe Vargas Llosa!

Während in Deutschland anno 1954 das "Wunder von Bern" gefeiert wird und die junge Bundesrepublik Deutschland damit ihre Initiation erfährt, hat sich rund eine Woche zuvor fernab in Mittelamerika ein Schurkenstück vom Allerfeinsten zugetragen. Guatemala, das zu dieser Zeit durchaus als prosperierendes Land mit Perspektiven bezeichnet werden darf, steuerte unter der Präsidentschaft von Jacobo Árbenz guten Zeiten entgegen. Doch infolge von dessen Verwerfungen mit einer einflussreichen Bananengesellschaft bereitete diese zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika und dem CIA ein Komplott vor, das glauben machen wollte, dass Árbenz ein Kommunist sei und die sowjetische Invasion ihren Weg über den Ozean via Guatemala nehmen werde. Am Ende des Tages war Árbenz gestürzt worden und hatte die Flucht ergreifen müssen. Die Macht in Guatemala übernahm schließlich mit Oberst Carlos Castillo Armas eine Marionette im Gewand eines Diktators.

Die unglaubliche Geschichte, die sich vor rund 66 Jahren in Guatemala tatsächlich abgespielt hatte, bildet den historischen Hintergrund für den neuesten Roman von Mario Vargas Llosa: "Harte Jahre" lautet der Titel dieses präzise recherchierten Romans. Vor zehn Jahren hatte Vargas Llosa mit dem Erhalt des Literatur-Nobelpreises seinen Platz im Olymp der Schriftstellerei eingenommen. Der mittlerweile 84-jährige Peruaner ist auf die Zielgerade seines mehr als sechs Jahrzehnte währenden Schaffens eingebogen. Als einer der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas hat er unzählige Romane produziert, die in viele Sprachen übersetzt Abermillionen von Lesern auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen haben.

Als Kenner von Vargas Llosas Opus fühlt man sich bei seinem neuesten Roman sogleich an "Der Traum des Kelten" erinnert, den vor zehn Jahren erschienenen Roman über Roger Casement, den irischen Nationalisten, bei dem der Autor ebenfalls mit einer historischen Vorlage brillierte. "Harte Jahre" ist in der deutschen Übersetzung bei Suhrkamp verlegt worden, für das parallele Erscheinen eines Hörbuchs hat wieder einmal der Hörverlag gesorgt und sich dabei nicht lumpen lassen. Kein Wort fehlt in der ungekürzten Version, die sich über nahezu exakt einen halben Tag und eine ganze mp3-CD erstreckt. Mit Johannes Steck sorgt ein Meister seines Faches am Mikrofon dafür, dass die Stimmungslage in Guatemala gekonnt transportiert wird.

Doch beim Genuss des Hörbuchs ist Vorsicht geboten! Ob der vielfältigen und tiefgehenden Details, die Vargas Llosa gerade im ersten Drittel des Buches präsentiert, darf man sich als Hörer keine Unaufmerksamkeiten erlauben. Am Ball zu bleiben, ist Pflicht, wenn man die komplexen Verflechtungen überblicken möchte, um schließlich die ganze Geschichte hautnah verfolgen zu können. Faszinierend ist dabei vor allem aus dem Blickwinkel der unsäglichen Trump-Ära, dass "Fake News" auch schon zu früheren Zeiten ein probates Mittel für den Erhalt von Macht, Einfluss und Geldfluss war. Ein Abriss von zwanzig Jahren guatemaltekischer Geschichte liefert einen vorzüglichen Beweis dafür, weshalb Bananenrepubliken diese Bezeichnung völlig zu Recht tragen.

Die zwölf Stunden mit Mario Vargas Llosa und Johannes Steck im Land der Mayas sind allerdings keine leichte Zeit, da der Autor mit "Harte Jahre" seinen Lesern und Hörern einiges abverlangt. Seichte Unterhaltung liegt definitiv am entgegengesetzten Ende der Belletristik-Skala. Vargas Llosa bietet viel Personal auf, viele für hiesige Ohren nicht immer eingängige Namen schwirren einem beim Hören durch den Kopf. Doch bei entsprechender Bereitschaft und einem halbwegs fundierten Interesse für Politik und Geschichte wird "Harte Jahre" auch nach dem letzten Track nicht allzu schnell in Vergessenheit geraten. Mit etwas Wehmut begleitet einen schließlich die Aussicht auf weitere Meisterwerke aus der Feder von Mario Vargas Llosa, da der kurz vor der Mitte seines neunten Lebensjahrzehnt stehende Peruaner wohl oder übel nur noch wenige produktive Jahre des Schaffens vor sich weiß. Wie viele Highlights à la "Harte Jahre" dabei noch herauskommen, steht leider völlig in den Sternen.

Christoph Mahnel 
29.06.2020

 
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Das Buch:

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot

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Sprecher: Johannes Steck Mnchen: Der Hrverlag 2020 Spielzeit: 718 Min., 24,00 ISBN: 978-3-8445-3862-5

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