Hrbcher

Model, Muse und Suchende

Mit 22 Jahren hat die junge Amerikanerin Lee Miller genug vom Modelbusiness. Sie kehrt ihrer Heimat New York den Rücken und will im Paris der 1920er-Jahre ein neues Leben beginnen, nämlich eines hinter der Kamera anstatt vor der Kamera. Doch das Leben in einer fremden Großstadt ist schwer ohne Familie, Freunde und vor allem: ohne Job. Sie irrt durch die Straßen und Cafés der französischen Hauptstadt, bis sie eines Tages den Fotografen und Maler Man Ray kennenlernt. Der 17 Jahre ältere Amerikaner, der bereits seit einigen Jahren in Paris lebt, wird bald ihr Chef, Lehrmeister und schließlich auch Liebhaber.

Durch Man lernt Lee die Pariser Bohème der 20er- und 30er-Jahre kennen; sie verkehrt in den Kreisen von Jean Cocteau und George Hoyningen-Huene. Nachdem sie anfänglich eher eine Sekretärin für Man gewesen ist, lässt er sie bald auch seine Dunkelkammer benutzen, so dass Lee sich als Fotografin ausprobieren kann. Ein Missgeschick in der Dunkelkammer, bei dem sie aus Versehen eine Filmrolle kurzzeitig belichtet hat, führt zu der Entdeckung der Solarisation, einem völlig überbelichtetem Bild, das aber dennoch nicht vollkommen zerstört ist.

Lee, die jahrelang um die Anerkennung als Künstlerin kämpft - auch in ihrer Beziehung zu Man -, sagt sich endgültig von ihrem Mentor und Liebhaber los, als sie erfährt, dass er eines ihrer Werke als das Seine ausgegeben und damit einen Preis gewonnen hat. Anerkennung für ihre Arbeit erhält sie erst Jahre später, als sie als Kriegsberichterstatterin die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau dokumentiert und sich von ihrem Kollegen Dave Sherman am 1. Mai 1945 in Hitlers Badewanne in seiner Münchner Wohnung ablichten lässt.

Die bisher unbekannte amerikanische Autorin Whitney Scharer hat sich für ihren Debütroman die Biografie der Fotografin Lee Miller ausgesucht. Deren Lebensgeschichte ist geprägt von dem Drang nach Selbstverwirklichung und der Behauptung in einer Gesellschaft, die von Männern beherrscht wird. Scharer schmückt Millers Biografie für die Verarbeitung zu einem Roman zwar literarisch aus, zeichnet jedoch ein spannendes und beeindruckendes Bild einer Frau, die sich ihren Weg aus der Fremdbestimmung erkämpft hat.

Scharer arbeitet in "Die Zeit des Lichts" mit Rückblendung: Die Haupthandlung spielt sich in den Jahren 1929 und 1930 in Paris ab. Eingeschoben werden kurze Sequenzen, die von Millers Zeit als Kriegsberichterstatterin erzählen. Das Porträt dieser Künstlerin zeichnet Whitney Scharer interessant und mit all seinen Höhen und Tiefen. Als Hörer fehlt einem trotz eines perfekten Vortrags der Schauspielerin Tessa Mittelstaedt die emotionale Bindung an die Geschichte und ihre Protagonisten. Als biografischer Roman ist "Die Zeit des Lichts" jedoch eine unterhaltsame und literarisch gelungene Umsetzung einer Lebensgeschichte, die es wert ist, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Sabine Mahnel 
23.12.2019

 
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Das Buch:

Whitney Scharer: Die Zeit des Lichts. Aus dem Amerikanischen von Nicolai von Schweder-Schreiner

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Sprecherin: Tessa Mittelstaedt Berlin: Argon Verlag 2019 Spielzeit: 662 Min., 19,95 ISBN: 978-3-8398-1761-2

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