Hrbcher

Traurige neue Welt

In gar nicht allzu ferner Zeit regiert ein einziges Unternehmen, der Store, über die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort nämlich hat Gibson Wells mit dem von ihm gegründeten Online-Versandhändler einen mächtigen Apparat geschaffen, der die meisten Lebensbereiche der Menschen vollständig kontrolliert. Der Store hat mit seinen überall im Land verteilten Clouds, den zentralen Unternehmensniederlassungen, ganze Städte geschaffen, in denen die Angestellten nicht nur arbeiten, sondern auch sorgenfrei leben können, natürlich zu 100 Prozent überwacht. Der Store hat alles, weiß alles und kontrolliert alles. Für die Menschen ist das Arbeiten in der Cloud allerdings nahezu alternativlos, da der Klimawandel das Leben außerhalb der Cloud-Städte unmöglich gemacht hat. Ganz abgesehen davon, dass die klassischen Städte mit ihren Einkaufszentren aufgrund des überbordenden Online-Handels ausgestorben sind.

Paxton und Zinnia haben sich aus unterschiedlichen Motivationen heraus bei dem Monopolisten beworben. Vor geraumer Zeit hatte Paxton die Macht seines neuen Arbeitgebers am eigenen Leib erfahren müssen, als er mit seiner Geschäftsidee gescheitert und bankrottgegangen war. Er versucht nun, als Security-Mitarbeiter in der Cloud seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Zinnia wurde als Mitarbeiterin für das Lager ausgewählt, wo sie tagtäglich hunderte von bestellten Produkten zusammensucht. Doch ist sie mit einem geheimen Auftrag versehen und in einer Mission unterwegs, die ihr Leben und das von Paxton, der sich Zinnia im Laufe der Zeit immer weiter angenähert hat, arg in die Bredouille bringt. Unüberwachte Alleingänge werden in der Cloud nicht geduldet, zumal sich der Besuch des todkranken Gibson Wells ankündigt, der zum Ende seines irdischen Daseins noch einmal allen Clouds in den Vereinigten Staaten einen Besuch abstatten möchte.

"Der Store" lautet der Titel des Debütromans des New Yorker Journalisten und Schriftstellers Rob Hart, der diesen dystopischen Stoff verarbeitet hat. Dabei stellt sich sogleich jedem die Frage, wieviel Dystopie denn in "Der Store" überhaupt noch enthalten ist. Schließlich haben es Amazon und Jeff Bezos in nicht einmal einem Vierteljahrhundert geschafft, einen in Ansätzen vergleichbaren Monolithen zu schaffen. Die Geschichte wird vom Autor mit Hilfe verschiedener Perspektivwechsel erzählt. Während die beiden Hauptdarsteller Paxton und Zinnia in der dritten Person auftreten, bekommt Firmengründer und -besitzer Gibson Wells für seinen Lebensbericht die Ich-Form gestattet. Für das zeitgleich zum Buch erschienene Hörbuch, eine gekürzte Lesung über elfeinhalb Stunden, hat der herausgebende Random House Audio Verlag gleich ein Quartett an hochkarätigen Sprechern engagiert. Dabei sorgen Simon Jäger als Paxton, Anna Carlsson als Zinnia, Frank Arnold als Gibson Wells und Janin Stenzel als Stimme aus dem Off für ein sehr anspruchsvolles Hörerlebnis.

Seit einigen Jahren liegen Dystopien voll im Trend und feiern große Erfolge sowohl in der Buch- oder auch in der meist stets folgenden Kinofassung. Die "Die Tribute von Panem" oder "Der Circle" von Dave Eggers sind wohl die bekanntesten Beispiele jüngeren Datums. Gerade letzteres schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Rob Harts "Der Store": Privat- und Berufsleben verschmelzen völlig ineinander, das eigene Rating wird zur wichtigsten Form der Anerkennung und Selbstbestätigung und Menschen können sich der perfekten Kontrolle durch den Arbeitgeber, einen gewaltigen wirtschaftlichen Konzern, nicht mehr entziehen. Als "Der Circle" vor gut fünf Jahren erschienen war, hatte es noch etwas Neuartiges an sich, das "Der Store" nun nicht mehr für sich beanspruchen kann. Durch die geschickte Einbeziehung der Unternehmersicht bekommt "Der Store" allerdings eine etwas andere Ausrichtung, indem die durchweg guten Absichten eines Gibson Wells argumentativ nur schwer zu kontern sind.

Das vorliegende Werk wird beim Hörer wie auch beim Leser des 600-Seiten-Wälzers noch lange nachhallen. Es wird einem beim nächsten Online-Einkauf auf Amazon mit einem schlechten Gewissen zurücklassen, beim Blick auf die in der Küche befindliche Alexa wird sich Skepsis breitmachen und beim nächsten Beratungsgespräch beim lokalen Einzelhändler wird man sich beinahe schon gezwungen fühlen, doch lieber vor Ort einzukaufen. Dass die Menschheit auf ein unwürdiges Szenario wie jene in "Der Store" ausstaffierte Gesellschaft zusteuert, werden wohl nur die wenigsten Optimisten leugnen. Auch wenn man das Gefühl hat, wieder und wieder auf Bücher zu treffen, die mahnend den Zeigefinger erheben, besitzen diese allesamt ihre Daseinsberechtigung und sind wichtig für eine Zukunft, in der man sich frei und unbeobachtet fühlen darf.

Christoph Mahnel 
28.10.2019

 
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Das Buch:

Rob Hart: Der Store. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

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Sprecher: Frank Arnold, Anna Carlsson, Simon Jger, Janin Stenzel Mnchen: Random House Audio 2019 Spielzeit: 690 Min., 22,00 ISBN: 978-3-8371-4727-8

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