Hörbücher

Das Leben der Dora

Ida wächst als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Textilfabrikanten im Wien des ausklingenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auf. Die Mutter ist streng und eher kühl-distanziert, der Vater hat ein Verhältnis zu der Frau eines befreundeten Ehepaares und leidet an den Folgen seiner Syphilis-Erkrankungen. Die Tochter ist oft die einzige, von der er sich während seiner Krankheitsschübe pflegen lässt. Ida selbst leidet seit ihrer Kindheit an immer wiederkehrenden Symptomen, wie nervösem Husten, Kopfschmerzen, Halsschmerzen und Stimmproblemen. Als sie als Jugendliche auch noch Selbstmordgedanken äußert, schickt ihr Vater sie zu dem "Herrn Doktor", der nur wenige Häuser entfernt wohnt: Sigmund Freud.

Bei der neuen Patientin Freuds handelt es sich um keine geringere als den "Fall Dora", als der die junge Ida Bauer in die Geschichte der Freud‘schen Fälle eingeht. In "Bruchstück einer Hysterie-Analyse" verewigte der Psychoanalytiker 1905 die Geschichte von Ida Bauer, die nicht nur die zerrüttete Ehe und die Krankheit des Vaters, sondern auch die Belästigungen eines Freundes der Familie und dessen tätliche Übergriffe verarbeiten muss. Die für ihre Zeit relativ selbstbestimmte junge Frau bricht jedoch die Kur bei Freud nach drei Monaten ab, nachdem ihm seine stets in das Sexuelle abdriftenden Analysen zu viel werden.

Die Stunden, die Ida alias Dora auf Freuds Diwan in seiner Wohnung in der Berggasse verbracht hat, bilden das Mittelstück des ungekürzt eingelesenen Hörbuchs. Dabei verwertete die Autorin Katharina Adler, Idas Urenkelin, nicht nur Freuds Aufzeichnungen, sondern recherchierte für ihren halbbiografischen, halbfiktionalen Roman sowohl in der persönlichen Familiengeschichte als auch in den Schriften von Otto Bauer, Idas Bruder, der als führender Sozialdemokrat und Begründer des Austromarxismus in die Geschichte einging.

"Ida" ist mehr als nur die Geschichte einer Freud-Patientin, denn die Stunden bei Freud stehen nicht im Fokus des Romans. Idas turbulente Lebensgeschichte endet schließlich nicht mit der Kur bei Freud, sondern nimmt aufgrund der politischen Situation in Europa noch einige dramatische Wendungen. Katharina Adler wählt keine chronologische Erzählweise, sondern springt mal hierhin und mal dorthin, beginnt mit der Ankunft Idas in New York 1941, geht zurück in die Kindheit oder in die ersten Ehejahre Idas.

Mit der Österreicherin Petra Morzé, die Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater ist, steht eine Frau am Mikrofon, die trotz einer relativ akzentfreien Aussprache den österreichischen Beigeschmack in der Stimme nicht missen lässt - wie geschaffen für ein solches Hörbuch!

Katharina Adler bezeichnet ihren Debütroman trotz der wahren Grundlage als fiktionales Werk, das zwar unterfüttert sei mit Recherche, aber im Grunde eine Mischung aus Fundstücken und Imagination sei. Wichtig war ihr jedoch, den Fall Dora mit mehr Inhalt zu füllen und Lücken zu schließen. Dies ist ihr gelungen. "Ida" ist mehr als die Geschichte einer Hysteriepatientin, es ist die Geschichte einer selbstbestimmten Frau, einer ehemals wohlhabenden Frau, die alles verloren hat, einer Exilantin, einer österreichischen Jüdin im 20. Jahrhundert.

Sabine Mahnel
10.09.2018

 
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Das Buch:

Katharina Adler:
Ida

Bild: Buchcover Katharina Adler, Ida

Sprecherin: Petra Morzé
Berlin: Argon Verlag 2018
Spielzeit: 750 Min., € 29,95
ISBN: 978-3-8398-1652-3

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