Romane

Zwei peruanische Helden

Felícito Yanaqué führt ein mittelständisches Transportunternehmen, das er selbst mit viel Fleiß und Hingabe aufgebaut hat. Nun scheint allerdings auch die Mafia einen Teil des Profits einstreichen zu wollen. Eines Morgens erhält Felícito einen an ihn adressierten Brief mit der Aufforderung zu monatlichen Schutzgeldzahlungen. Doch Felícito beherzigt konsequent den Rat seines verstorbenen Vaters, sich im Leben niemals von anderen herumschubsen zu lassen. Er widersetzt sich, auch nachdem sein Firmengelände einem Brandanschlag zum Opfer gefallen ist. Schließlich eskaliert die Situation jedoch, als Felícitos Geliebte entführt wird. Ist Felícito nun bereit, seine Grundsätze über Bord zu werfen und klein beizugeben?

Don Ismael Carrera ist ein betagter Entrepreneur, dessen Versicherungsunternehmen floriert. Jedoch ist er mit dem Problem konfrontiert, dass seine Firma eines Tages in die Hände seiner beiden verkommenen Söhne fallen wird. Die beiden Zwillinge, vorzugsweise auch als die Hyänen bezeichnet, machen keinen Hehl aus ihren Absichten und lassen ihren Vater die Habgier sogar an dessen Krankenbett spüren. Da erliegt der Witwer Ismael den erotischen Reizen seiner Hausangestellten Armida und heiratet sie kurzerhand. Als Trauzeugen fungieren sein Chauffeur Narciso und Rigoberto, sein langjähriger und treuer Verbündeter aus der Geschäftsführung.

Für Rigoberto nimmt das Schlamassel seinen Lauf, nachdem er die Ehe von Ismael und Armida mit seiner Unterschrift bezeugt hat. Die beiden Hyänen bedrängen ihn aufs Übelste, während die beiden frisch Vermählten ihre Flitterwochen in Europa genießen. Doch damit nicht genug: Rigobertos heranwachsender Sohn Fonchito scheint vom Teufel besessen, zumindest von selbigem verfolgt zu werden. Ein gewisser Edilberto Torres erscheint dem Jungen immer wieder aus heiterem Himmel und redet ihm ins Gewissen, so dass Fonchito weder ein noch aus weiß. Ein Leben in Angst um sich sowie um seine Familie - das hatte sich Rigoberto mit dem soeben erfolgten Eintritt in den Ruhestand ganz anders vorgestellt.

Die zwei Erzählstränge um Felícito und Rigoberto, die beiden ehrbaren Männer mit ihren festen moralischen Grundsätzen hat Mario Vargas Llosa in seinem neuesten Roman "Ein diskreter Held" wunderbar in Szene gesetzt. Der Literatur-Nobelpreisträger von 2010 entführt den Leser in den peruanischen Nordwesten nach Piura, wo Felícito seinen Kampf gegen das organisierte Verbrechen führt, und in die Hauptstadt Lima, die Schauplatz des Dramas um das späte Glück Don Ismaels ist. Vargas Llosas Bedeutung für die internationale Literaturszene lässt sich daran ermessen, dass die bei Suhrkamp verlegte deutsche Übersetzung nahezu zeitgleich mit dem spanischen Original "El héroe discreto" erschienen ist.

Mario Vargas Llosa unterstreicht mit diesem Roman erneut, warum er zu den gefragtesten und beliebtesten Schriftstellern der südlichen Hemisphäre zählt. Seine Meisterschaft, zu erzählen und zu fabulieren, ist wahrlich große Kunst. Es ist keineswegs übertrieben zu behaupten, dass er sein Metier in Vollendung beherrscht. Vargas Llosa führt in seinen Romanen Charaktere ein und gibt ihnen, ohne sich in epischen Exkursen zu verlieren, Konturen, die den Leser viel Herzblut an seine Bücher vergießen lassen.

Geradezu brillant wird der Peruaner dann, wenn er mit verschiedenen Erzählebenen jongliert, Dialoge im Hier und Jetzt mit Einschüben aus vorangegangenen Gesprächen wie ein Disc-Jockey mixt. Dabei lässt er den Erzählfluss keineswegs leiden, sondern befeuert ihn vielmehr, während der Leser trotzdem leicht den Überblick behalten kann. Auf diesem Planeten kennt man nur wenige Schreiberlinge mit derart ausgeprägten Fähigkeiten.

"Ein diskreter Held" erstreckt sich über knapp vierhundert Seiten und ist in zwanzig nahezu gleich große Kapitel gegossen. Der Autor wechselt zwischen den Ereignissen in den fast tausend Kilometer auseinanderliegenden Städten konsequent und kapitelweise hin und her. Der Leser fragt sich über lange Strecken, welchen Zusammenhang Vargas Llosa zwischen den beiden Handlungssträngen herstellen möchte. Gar vermutet man schon, dass "Ein diskreter Held" ein Roman mit zwei voneinander unabhängigen Erzählungen sein könnte. Doch ein Literatur-Nobelpreisträger hat solche Mätzchen nicht nötig und klärt den Leser schlussendlich im viertletzten Kapitel darüber auf, wie die Fäden zusammenlaufen.

Mario Vargas Llosa hat mit Felícito Yanaqué und Don Rigoberto zwei Helden des Alltags geschaffen. Als Leser fiebert man mit diesen beiden sympathischen älteren Herren mit und gesteht ihnen gerne auch die eine oder andere Schwäche ein, da man ihre Konsequenz und ihre unerschütterliche Einstellung zu Grundsätzlichem bewundert und sich wünscht, selbst so zu sein und auch entsprechend handeln zu können.

Nach "Der Traum des Kelten" hat sich Mario Vargas Llosa mit dem vorliegenden Buch wieder seiner eigenen Wurzeln erinnert und Charaktere geschaffen, die auf seinem heimischen peruanischen Turf agieren. Obwohl der Titel "Ein diskreter Held" leicht irreführend ist, da der Roman zwei Helden porträtiert, ist für dieses Highlight des Bücherherbstes 2013 ohne Zweifel eine unbedingte Leseempfehlung auszusprechen.

Christoph Mahnel
21.10.2013

 
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Das Buch:

Mario Vargas Llosa: Ein diskreter Held. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2013
381 S., 22,95
ISBN: 978-3-518-42400-1

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