Romane

Unter Hakenkreuz , Hammer und Sichel

?ber 600 Seiten misst das Werk, das Ernst Scharrer unter dem Titel "Beim Tanz des Gefreiten" ver?ffentlicht hat. Der Gefreite? Hitler ist bekanntlich als Gefreiter dem Ersten Weltkrieg entwachsen, und obwohl er sp?ter die Leitfigur des Dritten Reiches wurde, blieb ihm dieser wertende "Titel" weit ?ber den Tod 1945 hinaus. So auch hier, in Scharrers Buch. Ein umfangreiches Werk, dicht beschrieben, nahe am Alltag jener Jahre nach Hitlers Machtergreifung 1933.

Der Tanz steht symbolisch f?r unbek?mmerte Lebensfreude. Es war jene Gem?tsverfassung, in der b?rgerliche Kreise die Zeit f?r ungef?hrlich halten wollten, obwohl die Zeichen l?ngst verrieten, was bevorstand. Die Nachkriegszeit und die Krisen f?rderten eben diese Verdr?ngungsmechanismen, sie waren f?r ein ?berleben letztlich auch unverzichtbar und nachvollziehbar.  

Nun l?sst Ernst Scharrer die unerh?rt lastenreichen Jahre unter den Gewaltregimes nacherleben. Gleichschaltung, Druck und Exekutionen geh?ren bald zum Alltag. Wer diesen "Roman um eine benutzte Generation" lesen will, muss die Bereitschaft mitbringen, in eine eigene Welt einzutauchen, die nicht mehr die unsrige ist, gottseidank nicht. Gerade j?ngeren Generationen kann deshalb dieses Buch nur empfohlen werden. Der Gewinn besteht aus vermittelter Lebenserfahrung und aus hinzugewonnenem Verst?ndnis. Wie war das damals, unter den Ideologiediktaturen von Hakenkreuz, von Hammer und Sichel? Der Roman f?hrt mit sicherem Gesp?r durch jene unmenschlichen Verh?ltnisse hindurch.

Das Werk macht die Zeitgeschichte an einzelnen Personen fest und l?sst deren Schicksale miterleben. So reihen sich f?nf gro?e Kapitel aneinander, die nicht nur die Barbarei der Usurpatoren, sondern auch das m?hsame Zurechtfinden der einfachen Menschen sehr bodennah beschreiben. So wird das dicke Buch zu einem Geschichtsbuch f?r Menschen, die sich erinnern oder die sich neu einlesen wollen. Man steht als Leserin oder Leser mittendrin, man geht mit zunehmender Spannung den ganzen langen Weg mit.

Das ist alles andere als l?ngst bekannte Weltgeschichte. Die Geschichte, in B?chern entr?tselt, h?lt immer wieder Neues bereit. Man kann dies sehr gut am Drama beschreiben, das die Kulaken erfahren mussten. Waren die Kulaken im 19. Jahrhundert noch wohlhabende, aber ansonsten ganz gew?hnliche Bauern gewesen, so hat ihnen die Oktoberrevolution 1917 den Boden unter den F??en weggerissen. Stalin war es dann, der zur ihrer Liquidierung aufrief, zu einem Krieg gegen die Bauern, die zu Leistungen gepresst wurden, damit Hungerexporte get?tigt werden konnten, die es dem Staat erm?glichten, Maschinen zu kaufen. Aber die meisten kamen gar nicht mehr dazu, missbraucht zu werden. Sie wurden im Zuge der Kollektivierung - mit H?hepunkt 1932 - mit Zwangsma?nahmen erdr?ckt, enteignet, deportiert und in Massen erschossen. Es war ein gewaltiges Trauma, das sich hier ?ber ganze Landstriche erstreckte. Auch davon handelt Ernst Scharrers Buch.

Es wurde ein gescheites Buch daraus, das gewissenhaft informiert und gleichzeitig erleben l?sst. Und das Buch leistet dies verdienstvollerweise nicht auf der Oberfl?che jener Zeit, sondern es tut dies gr?ndlich und gewissenhaft. Damit erweist sich "Beim Tanz des Gefreiten" als bemerkenswerte Autorenleistung.

Ronald Roggen
04.02.2013

 
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Das Buch:

Ernst Scharrer: Beim Tanz des Gefreiten. Roman um eine benutzte Generation

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Norderstedt: BoD - Books on Demand 2012
640 S., 37,90
ISBN: 978-3-8448-2521-3

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