Romane

Und ewig lockt das groe Geld

Die überspannte Stimmung am Vorabend der Finanzkrise ist das Bild, das der britische Autor Paul Torday in seinem neuen Roman "Charlie Summers" nachzeichnet. Mittendrin der Erzähler Hector Chetwode Talbot, genannt Eck, der einige Jahre bei der British Army war - bis zu einem traumatischen Zwischenfall in Afghanistan, der ihn auch heute noch in seinen Träumen verfolgt und, wie sich später herausstellt, nicht nur dort.

Als Eck seine Karriere als Offizier an den Nagel hängt, bekommt er von Bilbo, einem ehemaligen Mitschüler, einen äußerst lukrativen Job in dessen Finanzdienstleitungsunternehmen angeboten. Eck soll seine zahlreichen gesellschaftlichen Kontakte nutzen, um risikobereite Leute als Kunden zu gewinnen. Beim Lunch, Golf, Angeln oder anderen exklusiven Unternehmungen überzeugt er sie davon, ihr Geld in die undurchsichtigen Hedgefonds von Bilbo zu investieren.

Auf einer dieser halbprivaten Geschäftsreisen mit seinem langjährigen Freund Henry lernen die beiden Charlie Summers kennen. Dieser ist Eck wie aus dem Gesicht geschnitten und kreuzt fortan mehr oder weniger absichtlich dessen Lebensweg. Charlie Summers ist das, was wir in unserer Gesellschaft als Verlierer und Hochstapler bezeichnen. Anstatt einer Arbeit im Billiglohnsektor nachzugehen, versucht Charlie sein Glück immer wieder in weniger gängigen Berufen. Als selbstständiger Unternehmer wird er es nicht müde, vermeintliche Marktlücken aufzuspüren. Besser noch als seine Kunden kann er sich dabei selbst täuschen. Doch obwohl er sogar vor Betrug nicht zurückschreckt, bringen ihm sowohl japanisches Hundefutter als auch holländischer Wein kein Glück. Und irgendwann fällt es selbst ihm schwer, sich noch etwas vorzumachen.

Ähnlich ergeht es Eck. Als er schließlich auch seinen ältesten Freund Henry dazu bringt, hinter dem Rücken seiner Frau eine Hypothek auf sein Anwesen aufzunehmen, um das Geld durch Bilbo anlegen zu lassen, dämmert es Eck, dass es zwischen Charlie Summers und ihm keine großen Unterschiede gibt: „Wenn Charlie mit seinen Träumen das Billigsegment bediente, verkaufte ich dann nicht das Gleiche an gehobene Käuferschichten?“ Vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass Ecks Arbeit lebensgefährlich wird, als er mit Al-Qaida Geschäfte macht und plötzlich auf der Abschussliste der Taliban steht.

Torday erklärt in seinem Gesellschaftsroman "Charlie Summers" ein Stück weit die Finanzwelt und die Ursachen, die die riesige Finanzblase zum Platzen gebracht haben. Wer meint, es würde ihm für das Buch an Verständnis fehlen, weil er in seinem täglichen Sprachgebrauch nicht mit Begriffen wie Hedgefonds und Investmentstrategien jongliert, der kann beruhigt sein. Torday legt den Schwerpunkt nicht auf die Finanzen, sondern auf die Charaktere. Er versteht es, mit wenigen Strichen prägnante Persönlichkeiten zu zeichnen, die zwischen Schrulligkeit und Skurrilität schwanken. Dadurch wird die manchmal etwas vorhersehbar Geschichte herrlich unterhaltend.

Jennifer Mettenborg
15.03.2010

 
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Das Buch:

Paul Torday: Charlie Summers. Aus dem Englischen von Thomas Stegers

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Berlin: Berlin Verlag 2010
288 S., 22,00
ISBN: 978-3-8270-0883-1

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