Romane

Ein Menschenleben auf weit geffneten Buchseiten

Ein durchflitzender ICE-Zug mit Lichtstreifen im nächtlichen Dunkel - so präsentiert sich das Werk "Letzte Lichter" des 1935 geborenen Autors Ditmar Wurche. Das 457 Seiten starke Buch erfordert eine aufmerksame Lektüre, obwohl es ohne Sprünge linear nach vorne durch ein langes Leben führt. Denn die Schreibe interpretiert höchst interessant und ausgiebig die Charaktere erlebter Landschaften und Städte, vermittelt eine Vielzahl kultureller Erlebnisse - vornehmlich im Bereich Musik -, lässt berufliche Wenden erleben, wirft Fragen auf und berührt in der nahen Begegnung mit Menschen.

Dies alles vollzieht sich "an Hand" der Person R., Schritt für Schritt auf der Zeitachse, die brillant die Gegenwart überholt und nicht ohne Witz und trotzdem ernst das Futurum vorwegnimmt. China rückt nach oben, die EU sinkt ab zum Zweckverband, Europa steckt in einer Identitätskrise, die USA ziehen sich zurück. Deutschland und Österreich vereinigen sich wieder einmal, nach einem Duell der Symphonieorchester wird die Walzerstadt deutsche Metropole. Die Leitfigur arbeitet als Jurist bei der Deutschen Bahn, wird pensioniert und stirbt an Krebs. Sieht sich der Autor auf diese Weise von außen?

Die Sprache meistert auch anspruchsvolle Satzkonstruktionen, bleibt aber verständlich, weil sie anschaulich und sehr lebhaft angelegt ist. Sie überrascht gelegentlich, vor allem in der Wahl der Verben, und geht auch ins leicht Lyrische. Besonders typisch sind Raffungen wie: "Seit Jahren hatte seine Mutter ihn in Klavierstunden gezwungen und er sich damit gequält".

Gewinn holt sich der Leser zunächst im Dokumentarischen dieses authentisch wirkenden Textes, der die Vergangenheit Deutschlands nachempfinden lässt, etwa die Katastrophe über dem alten Dresden, viel später die Wiedervereinigung, auch die der Bahnen 1989. Weil R. häufig umzieht, erlebt der Leser ganz Deutschland - R. erlebt man als "Zugvogel in Raum und Zeit", heimatlos in beiden.

Neben Hegel, Gehlen und Gadamer, dem Schüler Heideggers, gibt es sehr dominant die Figur Carl Schmitt (1888-1985), in seiner Widersprüchlichkeit sehr schön gezeichnet. Tatsächlich kommt Schmitt, trotz seiner Nazizeit, die ihm ein Nürnberg-Verhör und einen verheerenden Imageschaden eintrug, eine enorme Bedeutung zu. Das werden nicht nur Juristen wie R., sondern auch Historiker und namentlich mit der Romantik befasste Kenner ohne Zweifel bestätigen.

Dazu kommt R. selbst, als ehrliche, selbstkritische Persönlichkeit von "armseliger Durchschnittlichkeit", mit einer "beißenden, nagenden Trauer" um alles, was er dauernd verkehrt zu machen schien. Dieser R., Problemkind seiner Familie, von Nervenleiden bedrängt, verrät seine innere Not durch passive Lebensgestaltung, ewige Zweifel und wiederholte Beziehungsprobleme. Das körperliche Leiden und die psychische Not nehmen viel Platz ein in diesem persönlich geschriebenen Buch. Das Glück jedenfalls schlägt nie richtig durch. Nicht nur R., auch die Personen - vorab die Frauen - werden psychologisch nah und gut nachvollziehbar beschrieben. Das macht das Buch auch in Problemphasen farbig und wertvoll. Jede Seite lässt echtes Leben spüren.

Ältere Leser werden sich an selbst Erlebtes erinnern und über die Szenerie von einst nachdenken können. Jüngere erleben die Lektüre als Entdeckungsfahrt. Für Menschen mit Burnout, Depressionen, gescheiterten Ehen hingegen - für sie gerät das Buch möglicherweise unerwartet zum Impulsgeber oder Trostspender, wenn nicht zum handfesten Coach, auch wenn es nie und nirgends dozieren will.

Wenn schon die Geschichtswissenschaft nicht in der Lage ist, die Spieler der historischen Bühne live vor das Mikrofon zu holen, um deren Erfahrungshintergrund für die Nachwelt "nutzbar" zu machen, so bietet wenigstens das bedruckte Papier eine Chance, Früheres zu erkennen und Jetziges zu verstehen. Ditmar Wurche hat die Gelegenheit voll ausgeschöpft. Wie weit das Schreiben ihm selbst das Aufarbeiten ermöglichte, mögen nur er und sein nächster Umkreis richtig deuten.

Ronald Roggen
03.08.2009

 
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Das Buch:

Ditmar Wurche: Letzte Lichter

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2009
458 S., 19,80
ISBN: 978-3-8372-0144-4

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