Romane

Eine mitreiende Vater-und-Sohn-Geschichte des Bestsellerautors Gerbrand Bakker

Simon, Mitte vierzig, führt ein ruhiges Leben. Wie bereits sein Vater und Großvater ist er Friseur. Er möchte nicht unbedingt zu viele Kunden, und wenn er mal einen Espresso braucht, dann geht er rasch in seine Wohnung über dem Salon. Zwei Poster von Schwimmern an der Wand erinnern an seine Jugendhelden, und dreimal die Woche zieht er selbst Bahnen. Simon mag seinen unaufgeregten Alltag und wenn er zwischendurch eine Strähne Einsamkeit an sich entdeckt, dann stört ihn das nicht weiter. Außer vielleicht, wenn er dabei an seinen Vater denkt. Als einer der Stammkunden, ein Schriftsteller, sich für die Geschichte seines Vaters interessiert, wird auch Simon neugierig. Er hatte den Vater nie kennengelernt, weil dieser, wie es hieß, 1977 bei einem Flugzeugunglück auf Teneriffa ums Leben gekommen war.

Es ist der 27. März 1977, ein Sonntag, als um 17:06 Uhr Ortszeit eine Boeing der KLM Royal Dutch Airlines mit einer Boeing der Pan Am auf dem Flughafen Los Rodeos kollidieren. An Bord der Flugzeuge befanden sich insgesamt 644 Personen. Nur 70 Insassen der Boeing 747 der Pan Am überlebten den Zusammenstoß. Simons Vater liegt als einer von 123 nicht identifizierten Todesopfern auf dem Friedhof Westgaarde, in der Nähe des niederländischen Flughafens Schiphol. Gemeinsam mit seinem Großvater besucht Simon die Gedenkstätte. Aber die Trauer über seinen Verlust hält sich in Grenzen. Simon war ein Kleinkind, als sein alter Herr die Familie verließ, um woanders sein Glück zu versuchen. Warum bloß weiß Simon eigentlich so wenig? Seine Mutter schweigt, ebenso wie Simons Großvater.

Ehe Simon sich's versieht, befindet er sich mittendrin in einem schlimmen Gefühlsdilemma. Spätestens als er seiner Mutter beim Schwimmunterricht für Jugendliche hilft. Dort lernt er den stummen Igor kennen und entwickelt Zuneigung zu dem Jungen. Er erkennt sich ein Stück weit selbst in ihm wieder. Und im Laufe von ein paar Wochen wird Simon schmerzhaft gewahr, dass er sich vor längerer Zeit selbst verloren hat. Er weiß nicht mehr, wer er wirklich ist. Um seiner Identität, und auch einer seiner Wurzeln näher zu kommen, begibt er sich auf die Suche nach Antworten - und begegnet dabei dem größten aller Gefühle: der Liebe ...

Ein Juwel im Bücherregal - das, nicht mehr und nicht weniger, ist jeder einzelne Roman von Gerbrand Bakker. Was er schreibt, trifft direkt ins Herz, bringt es heftig, aber auch auf Schönste zum Klopfen und bricht es einem sogar. So wie "Der Sohn des Friseurs", so wünscht man sich Belletristik am liebsten immer! Man verliert sich ab dem ersten Satz mit allen Sinne in diese Lektüre und vergisst darüber die Welt vollkommen um sich herum. Die Schweden haben Fredrik Backman und Jonas Jonasson, die Niederländer mit Bakker einen ebenso begabten Autor mit dem Können, Geschichten voller Emotionen leicht(er) erscheinen zu lassen. Seine neueste hat genau die richtige Mischung aus Heiterkeit und Melancholie. Und ist damit ein wundervolles, einzigartig berührendes Vergnügen. Genuss pur!

Schriftsteller vom Erzähltalent eines Gerbrand Bakker gibt es nicht einmal eine Handvoll in den Niederlanden, und auch auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt nur ganz, ganz wenige. Deshalb ist ein Buch wie "Der Sohn des Friseurs" umso kostbarer. Dieses zu lesen, ist das größte Glück, das man überhaupt erfahren kann. Solch eine Lektüre bleibt noch lange im Gedächtnis, noch länger aber im Herzen des Rezipienten. Danke für dieses Geschenk!

Susann Fleischer 
08.04.2024

 
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Das Buch:

Gerbrand Bakker: Der Sohn des Friseurs. Aus dem Niederlndischen von Andreas Ecke

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2024 285 S., 25,00 ISBN: 978-3-518-43158-0

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