Romane

Frauenliteratur zum Wohlfhlen

Jeden Morgen treffen sie sich am Strand von Brighton und nehmen ein gemeinsames Bad in den Wellen: Die "Sea-Gals", wie sie die vier Frauen zwischen zwanzig und siebzig augenzwinkernd nennen, verbindet die Leidenschaft für das Schwimmen im kalten Ärmelkanal und eine Freundschaft, die sie zwischen Familienleben, Jobsuche, Richtungsentscheidungen und Liebestragödien über Wasser hält. Gemeinsam gehen sie durch die Höhen und Tiefen des Lebens, brauchen das Meer fast noch mehr als die Luft zum Atmen; um den Kopf freizubekommen, um die Sorgen und Nöte zu vergessen, um sich befreit zu fühlen. Denn die Last ihres Daseins drückt bei allen; wenn auch bei der einen mehr und bei der anderen weniger. Und dennoch lassen sie sich vom stärksten Wellengang nicht unterkriegen.

Da ist Dominica, gefangen in einer Apathie. Aus gutem Grund: Das Corona-Virus hat ihrem Mann das Leben gekostet. Seit seiner Beerdigung sind inzwischen Monate vergangen, aber die Trauer und Depressionen halten sie schwer im Griff. Einzig das Schwimmen im Atlantik gibt der 65-jährigen Witwe den Ansatz eines Gefühls. Im Beisammensein mit ihren Freundinnen drücken sie die Lasten des (Über-)Lebens weniger, aber immer noch merkbar. Und da ist Helga, deren resolute Art so manchen aus der Lethargie zu reißen vermag. Weitere Hilfe ist Freundin Tors positive Einstellung und ihre Seelenstärke. Die letzte im Bunde ist Lotte, die "Prinzessin in schimmender Rüstung". Sie alle gegen den Rest der Welt, bis eines Tages durch Zufall aus dem Quartett ein Quintett wird.

Eines Tages stößt Maddy zu den "Sea-Gals". Es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Auf der Flucht vor ihrer zerrütteten Ehe und der Suche nach ihrem Sohn, der zwei Jahre zuvor sein Elternhaus stürmend verließ und seitdem anscheinend (ohne Zukunft, ohne Hoffnung, aber mit Drogen) auf der Straße lebt, hat es Maddy von London nach Brighton verschlagen. Bald werden die regelmäßigen Schwimmtreffen auch für sie zu einem Rettungsanker und sie hofft, gemeinsam mit den neuen Freundinnen Jamie wiederzufinden ... und vielleicht einen Kompass in ihrem eigenen Leben?

Literatur, die einem erscheint wie eine herzlich-warme Umarmung der besten Freundin - genau so fühlt sich die Lektüre eines Romans von Josie Lloyd an. Mit "Der Brighton-Schwimmclub" gelingt der britischen Autorin die berührende Geschichte über eine generationenübergreifende Frauenfreundschaft. Als Leser*in leidet man mit den Protagonistinnen mit, lacht mit ihnen, weint mit ihnen und fühlt sich als Teil deren Lebens und sie als Teil des eigenen. Bücher gibt es viele im Regal, aber keines ist wie das vorliegende. Es als ein Juwel zu bezeichnen, trifft es absolut. Und ist darüber hinaus alles andere als eine Übertreibung; vielmehr im Gegenteil! Jede der 430 Buchseiten, sogar jeder Satz ist ein Genuss; noch dazu ein äußerst seltener. Definitiv groß(artig)e Belletristik!

Von Josie Lloyds Büchern fühlt insbesondere frau sich aufs Grandioseste unterhalten. "Der Brighton-Schwimmclub" kommt einem Geschenk gleich; noch dazu einem ziemlich wertvollen. Über viele Stunden lang erfährt man ein Vergnügen der ebenso fesselnden wie mitreißenden Sorte. Hier liest man sich regelrecht in einen Rausch, sodass man bei der Lektüre gar nicht merkt, wie die Stunden vergehen. Vielmehr fängt man mit dieser wieder von vorne an, nur um noch einige Zeit länger ein Mitglied der "Sea-Gals" sein zu dürfen und damit all seinen Kummer zu vergessen. Wo findet man Ähnliches zwischen zwei Buchdeckeln? Ohne jeden Zweifel: nirgendwo sonst!

Susann Fleischer 
02.04.2024

 
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Das Buch:

Josie Lloyd: Der Brighton-Schwimmclub. Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich

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Berlin: Insel Verlag 2024 430 S., 18,00 ISBN: 978-3-458-68351-3

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