Romane

Eine Lektre, die unbedingt eine Entdeckung lohnt

Die Welt um Victor Jarno hat sich verändert - und wie immer hat er es zu spät bemerkt. Victor ist Mitte vierzig, kinderlos und der letzte Sozialdemokrat in einer Wiener Familie mit sozialistischen Wurzeln bis in die Kaiserzeit. Nur scheint sich niemand daran zu erinnern; selbst seine Mutter und seine Tante hat der politische Rechtsruck erfasst. Victor will nichts anderes, als glücklich sein; allerdings nicht mit (Noch-)Ehefrau Iris. Ein unerfüllter Kinderwunsch und Victors Gefühle für eine andere Frau beendet die viel zu lang andauernde Beziehung. Da hilft auch keine Mediation mehr. Mit der Rückkehr von Victors Cousine Karoline aus dem Ausland, flammt eine dreißig Jahre alte heimliche Liebe wieder auf: Beide verachten e-Scooter, Stand-up-Paddling und die regierenden Rechtsparteien.

Als aus Victor und Karoline ein Paar wird, droht die Familie an dem Skandal zu zerbrechen. Noch dazu vererbt ihnen die Großmutter vor ihrem Tod ihr Haus auf dem Land, in das Cousine und Cousin nun zum Missfallen ihrer Eltern, die das Haus gerne geerbt hätten, einziehen. Karolines Mutter und Schwester brechen den Kontakt zu den beiden ab. Zu "krank" scheint ihnen Zuneigung, die Victor und Karo füreinander empfinden. Und Victors Mutter wendet sich zwar nicht von ihrem Sohn ab, allerdings darf er sie nur ohne Karo besuchen. Also heißt es fortan: Sie zwei gegen den Rest der Welt. Was aber lässt sich in einer Welt, in der ihre Ideale im Niedergang begriffen sind und ihre Familie zerbricht, noch retten? Es ist ein Kampf, aber einer, der sich am Ende lohnt. Oder auch nicht ...?!?

Literatur mit der berauschenden Wirkung von Drogen - was Daniel Wisser schreibt, macht hochgradig süchtig, außerdem ganz high; und das gleich ab dem ersten Satz. Seine Romane zu lesen, ist das Beste überhaupt. Pures Glück durchströmt einen bei der Lektüre von "Wir bleiben noch". Bei all den Emotionen zwischen zwei Buchdeckeln bleibt kein Auge lange trocken. Unbedingt Taschentücher bereitlegen! Bücher wie dieses gibt es nicht allzu oft. Der österreichische Autor verbindet Leichtigkeit und Schwermut, fast schon Melancholie, zu einem Erlebnis ohnegleichen. Dieses Vergnügen behält man noch lange in Erinnerung, hallt im Herzen nach und lässt einen nach der letzten Seite bedauern, in die Realität, ins eigene Dasein zurückkehren zu müssen. Das hat Seltenheitswert auf dem Buchmarkt!

Auf der Suche nach einer Lektüre abseits des Mainstreams, kommt man um die Bücher aus Daniel Wissers Feder definitiv nicht herum. Diese gehören mit zum Besten in jedem Bücherregal. Sind aber noch um einiges mehr: "Wir bleiben noch" zum Beispiel bietet Zündstoff für die meisten Familiendiskussionen. Denn wie sich hier zeigt: Die Liebe ist zugleich einfach als auch kompliziert. Und trotzdem ist ein Leben ohne diese nahezu unmöglich, zumindest ein glückliches. Das vorliegende Werk zeigt dies eindrucksvoll und in sprachlichen Bildern, deren Schönheit einen glatt umhaut. Absolut grandios!

Susann Fleischer 
28.06.2021

 
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Das Buch:

Daniel Wisser: Wir bleiben noch

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Mnchen: Luchterhand Literaturverlag 2021 480 S., 22,00 ISBN: 978-3-630-87644-3

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