Romane

Emanzipation mal anders

In einer kleinen Wohnung am Rande der Metropole Seoul lebt Kim Jiyoung. Die Mittdreißigerin hat erst kürzlich ihren Job aufgegeben, um sich um ihr Baby zu kümmern - wie es von südkoreanischen Frauen erwartet wird. Doch schon bald zeigt sie seltsame Symptome: Jiyoungs Persönlichkeit scheint sich aufzuspalten, denn die schlüpft in die Rollen ihr bekannter Frauen. Es ist eine Flucht vor einem Leben bestimmt von Frustration und Unterwerfung. Ihr Verhalten wird stets von den männlichen Figuren um sie herum überwacht - von Grundschullehrern, die strenge Uniformen für Mädchen durchsetzen; von Arbeitskollegen, die eine versteckte Kamera in der Damentoilette installieren und die Fotos ins Internet stellen.

Jiyoung hat seit ihrer Geburt schwer zu kämpfen. Sie ist ein Mädchen, dessen Großeltern sich einen Jungen gewünscht haben; ist eine Tochter, deren Vater sie dafür verantwortlich macht, wenn sie sexuell belästigt wird; ist die perfekte Angestellte und wird trotzdem nicht befördert. Immer wieder versucht Jiyoung verzweifelt, aus der ihr vorbestimmten Frauenrolle auszubrechen, aber die gesellschaftlichen Konventionen ketten die junge Frau an ihr Dasein. Jedes Aufbegehren wird als geistige Verwirrung Jiyoungs abgetan. Doch das wirklich Schlimme: So wie Jiyoung geht es Millionen anderer Frauen auf der ganzen Welt. Es ist höchste Zeit für eine Revolution ...

Cho Nam-Joo ist eine einzigartig geniale Autorin. Ihr Talent übertrifft das vieler anderer Schriftsteller ihrer Generation. Und ihr Können haut einen glatt um. Die Südkoreanerin schreibt Literatur, die den Leser gleich ab dem ersten Satz ganz schwindelig macht. "Kim Jiyoung, geboren 1982" gehört zu den Lektürehighlights des Bücherfrühlings/-sommers 2021. Hier erfährt man Erzählkunst auf höchstem Niveau und mit lebensverändernder Wirkung. Die Lebensgeschichte von Protagonistin Jiyoung stimmt gleichermaßen traurig wie wütend. Diese zeigt: Trotz Gendersternchen ist Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern bis heute eher eine Utopie denn Realität. Das Debüt von Cho Nam-Joo war also längst überfällig.

Unterhaltung, die einschlägt wie eine Bombe - wenn man dieser Tage ein Buch gelesen haben muss, dann unbedingt "Kim Jiyoung, geboren 1982". Dieses bedeutet ein Leseerlebnis weit abseits des Mainstreams, außerdem mit wichtiger Aussage. Diskriminierung geht uns alle an! Cho Nam-Joo zeigt in minimalistischer und doch messerscharfer Prosa, dass Frauen in Wahrheit das starke Geschlecht sind. Frauen sind die besseren Männer!

Susann Fleischer 
14.06.2021

 
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Das Buch:

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee

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Kln: Kiepenheuer & Witsch 2021 208 S., 18,00 ISBN: 978-3-462-05328-9

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