Romane

Ein furioses Debt, mit dem ein neuer, unverwechselbarer Sound Einzug in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hlt

Luise ist die Tochter der österreichischen Bundespräsidentin, deren Hundetick ihr nicht nur gehörig auf den Geist geht, sondern mit deren politischer Ausrichtung am rechten Rand die Jurastudentin so gar nichts anfangen kann. Als ihre Mutter sich einen neunten Windhund zulegt, holt Luise einen Mops ins Palais und nennt ihn Marx. Und auch sonst probt Luise den Aufstand, indem sie die Waffen der präsidialen Jagdgesellschaft in den Pool schmeißt, das Teezimmer mit Artikeln über die Verbrechen der chinesischen Regierung tapeziert und "Mensur ist Menstruationsneid!" skandiert, als ihre Mutter sie mit einem Burschenschafter verkuppeln will, der ihr stolz den Schmiss über seiner Augenbraue zeigt. In der restlichen Zeit streift Luise durch die Straßen Wiens und schmiedet Pläne, die Regierung zu stürzen.

Luise lebt ihr Leben, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann lernt sie Sef kennen. Und mit ihr ändert sich so ziemlich alles. Luise wechselt kurzerhand zum anderen Ufer. Gemeinsam wollen sie das Land verändern. Was fehlt ist lediglich noch eine geniale Idee. Dabei rennt die Zeit. Denn schon bald soll der Wiener Opernball steigen. Die Gelegenheit, um kurzen Prozess mit ihrer Mutter zu machen. Doch es läuft nicht ganz so, wie Luise es sich gedacht hat. Plötzlich hat Luise Verständnis für ihre Mutter, ist dabei, ihre eigenen Ideale zu verraten. Oder kriegt sie noch rechtzeitig die Kurve. Schließlich sagte schon einst Georg Büchner: "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" Doch schon John Lennon wusste: "Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen" ...

Unterhaltung, die rockt wie nichts anderes - "Das Palais muss brennen" gehört zu den Highlights dieses Jahres, ist darüber hinaus der Beweis: Mercedes Spannagel ist eine neue, frische Stimme auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Ihre Romane überschreiten die Grenzen der Schicklichkeit, brechen mit Tabus und sprechen das an, was wirklich Sache ist. Und das mit Stil! Echt geil! Gerade in Zeiten wie den heutigen war ein Buch wie das vorliegende längst überfällig. Es rechnet mit der Politik und der Gesellschaft ab, und das auf literarisch höchstem Niveau. Das ist von größter Seltenheit im Bücherregal! Absolut grandios vom ersten bis zum letzten Satz! Solch ein Genuss haut einen glatt vom Hocker. Über Spannagels Schreibkönnen kann man eigentlich nur staunen, zudem ehrfurchtsvoll den Hut ziehen. Chapeau!

Mercedes Spannagels Erzählkunst ist spritzig, jung, kurz und knapp und frech. Von diesem wird einem ganz schwindelig, sogar regelrecht high wie sonst einzig noch von Drogen. "Das Palais muss brennen" liest man wie im Rausch. Das Buch auch nur für einen kurzen Moment wegzulegen ist schier unmöglich. Was man hier in die Hände kriegt: ein Geniestreich, der seinesgleichen sucht! Die österreichische Autorin schreibt Literatur weit abseits des Mainstreams. Ihr gelingt ein Debüt, das alles als nullachtfünfzehn ist, außerdem den Leser begeistert über alle Maßen. Es gibt (fast) keinen besseren Grund zum Ausflippen!

Susann Fleischer 
26.10.2020

 
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Das Buch:

Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen

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Kln: Kiepenheuer & Witsch 2020 192 S., 18,00 ISBN: 978-3-462-05509-2

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