Romane

Ein berhrendes, umwerfendes Juwel britischer Literatur

Es ist Herbst 2016. Im Pflegeheim begleitet Elisabeth ihren ehemaligen Nachbarn Daniel, mittlerweile 101 Jahre alt, in seinen letzten Tagen. Vertrauter, Vaterersatz und Mentor, ein wichtiger Mensch für die junge Aushilfsdozentin, der ihr die Magie der Bücher offenbarte und sie zu eigenständigem Denken anleitete. Doch nun ist seine Lebenszeit abgelaufen. Er liegt im Sterben. Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen, Vergangenes mäandert durch seine Gedanken. Daniel hat viel durchleiden müssen. Rückblenden in die Kriegszeit, aber auch die Faszination Elisabeths für die feministischen Pop-Art Künstlerin Pauline Boty (und ihren Bezug zu Christine Keeler) schaffen eine Einheit, verbinden Daniels und Elisabeths driftende Gedanken.

Wenn sie Daniel nicht besucht, gerät Elisabeth immer wieder in Situationen, die in ihrer Absurdität an einen Sketch von Monty Python erinnern (z.B. die Pass-Beantragung im Postamt mittels Check & Send). Immer öfter fragt sich Elisabeth, was die Zukunft für sie bereithält. England hat einen historischen Sommer hinter sich, die Nation ist gespalten, Angst macht sich breit. Aber die Gegenwart wird durchbrochen von der Vergangenheit, und andersherum. Beides bedingt einander. Elisabeths Erinnerungen an ihre Kindheit werden vermischt mit Reflexionen über die Veränderungen in ihrem Heimatland nach dem Referendum. Die Spaltung der Gesellschaft, das Oben und Unten, Arm und Reich, der Hass, der offen zur Schau gestellte Rassismus.

Unterhaltung, die einer Verführung für alle Sinne gleichkommt - es gibt kaum ein größeres Glück, als ein Buch von Ali Smith zu lesen. Was Karl Ove Knausgård für Norwegens Literatur ist, ist Smith für die englische: nämlich ein Ausnahmetalent! Ihre Romane sind elegant geschrieben und wunderbar poetisch bis zum letzten Satz; definitiv das Schönste im Bücherregal! "Herbst" ist etwas Besonderes unter den Neuerscheinungen der letzten Jahre. Man wechselt zwischen Tragik, Witz und melancholisch gestimmtem Reminiszieren. Solch eine Lektüre ist von größter Seltenheit, sehr berührend und noch mehr beglückend. Diese muss man hüten wie einen Goldschatz. Geben Sie das Buch niemals aus ihrer Bibliothek. Es wird Sie ein Leben lang begleiten.

Ali Smith ist eine der grandiosesten Geschichtenerzählerinnen Großbritanniens. Ihr Schreibkönnen überwältigt einen geradezu. "Herbst" bedeutet eine der kostbarsten Erfahrung im Leserleben. Betörend-schönere Literatur findet man sonst nie zwischen zwei Buchdeckeln. Einfach nur zum Niederknien, Smiths Erzählkunst!

Susann Fleischer 
20.07.2020

 
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Das Buch:

Ali Smith: Herbst. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz

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Mnchen: Luchterhand Literaturverlag 2019 272 S., 22,00 ISBN: 978-3-630-87578-1

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