Romane

Der Riemannschen Vermutung auf der Schliche

Mitten in die Wendezeit hinein wird Oliver Seuß im Jahre 1989 in der sächsischen Provinz geboren. Eine schnelle Nummer zwischen seinem Vater und seiner Mutter, die sich kaum kannten und beide selbst gerade erst den Jugendjahren erwachsen waren, ohne auf das Leben eines Erwachsenen vorbereitet gewesen zu sein. Die Mutter ergreift kurz nach der Geburt die Flucht vor ihrer Verantwortung, der Vater ist völlig überfordert als alleinerziehender Erzeuger. Oliver wächst daher überwiegend bei seinen Großeltern auf. Recht früh schon ist das mathematische Talent des Jungen zu erkennen. Spätestens nach seinem Erfolg bei der Mathematik-Olympiade in Montreal ist der Weg für Oliver gezeichnet. Universitäten reißen sich um das Ausnahmetalent, sein familiäres Umfeld ist nur bedingt in der Lage, das Potential des merkwürdigen Einzelgängers zu begreifen.

Olivers Liebe gilt den Primzahlen, den Zahlen, die nur durch eins und durch sich selbst teilbar sind, den Atomen des gesamten Zahlenuniversums. Schon zu Beginn seines Studiums verbeißt er sich in die Riemannsche Vermutung. Bernhard Riemann, ein deutscher Mathematiker des 19. Jahrhunderts, hatte eine folgenreiche Hypothese aufgestellt, die Struktur in die scheinbar chaotische Verteilung der Primzahlen bringen könnte und erhebliche Konsequenzen hätte für die Mathematik und die Physik, aber auch für praktische Anwendungen, die darauf zurückgreifen. Doch gehört der Beweis zu dieser Vermutung zu den härtesten ungelösten Nüssen der Mathematik und ist als eines der sieben Millennium-Probleme benannt worden, für deren Beweise das US-amerikanische Clay Mathematics Institute um die Jahrtausendwende jeweils eine Million Dollar ausgesetzt hat.

Die Bestrebungen des mathematischen Genies Oliver Seuß beim Beweis der Riemannschen Vermutung hat Patrick Hofmann in seinem neuesten Roman "Nagel im Himmel" verarbeitet. Seit seinem erfolgreichen und mit Preisen dekorierten Debütroman "Die letzte Sau" sind satte zehn Jahre vergangen, bis er nun seinen zweiten Roman vorlegen konnte. Der Klappentext weckt das Interesse beim Leser und auch der Einstieg in die Erzählung ist sehr kurzweilig gehalten, Olivers Kinder- und Jugendjahre machen direkt betroffen. Mit seinem Schreibstil fesselt Hofmann den Leser, auch die willkürlichen Sprünge auf der Zeitachse bereiten dem Lesespaß keinen Abbruch. Die gedanklichen Abschweifungen des Protagonisten in die Welt der Primzahlen illustrieren sehr gut die Denke des Genies, ebenso sorgt der Autor mit den englischsprachigen Passagen sowie den Unterhaltungen auf breitestem Sächsisch für Realitätsnähe in der immer weiter abdriftenden Welt des Oliver Seuß.

Anders als bei den meisten Büchern, wo die Lesegeschwindigkeit dank einer gelungenen Spannungskurve ab der Buchmitte sprunghaft zunimmt, macht sich bei "Nagel im Himmel" schleichend Entschleunigung breit. Patrick Hofmann hat bei aller Expertise rund um die mathematischen Grundlagen und die Geschichte der Primzahlen, die er im vorliegenden Buch ausführlich dokumentiert, vergessen, einen Spannungsbogen aufzubauen. Als Leser verspürt man im Zuge der Verrohung von Olivers Leben nur noch wenig Antrieb weiterzulesen. Die Riemannsche Vermutung fordert Tribut von ihrem potentiellen Bezwinger, ähnlich wie des Öfteren zuvor schon von vielen hochgewetteten Mathematikern, die ihr Leben diesem Beweis gewidmet haben, aber gescheitert und abgestürzt sind. Doch dann urplötzlich, ganz am Ende des Buches kommt Hofmann mit einer Wendung um die Ecke, die einem Hören und Sehen vergehen lässt.

Patrick Hofmann hat mit "Nagel im Himmel" ein Buch vorgelegt, zu dem es garantiert keine einhellige Meinung geben wird. Ihm ist es ganz vorzüglich gelungen, einen schwierigen Charakter emotional zugänglich zu machen, ein Umfeld zu kreieren, das einen als Leser mitleiden lässt. Darüber hinaus hat der Autor eine exzellente Recherche zum zentralen mathematischen Thema seines Buches betrieben und ein Finale wie Donnerhall geschaffen. Wäre da nur nicht das wabernde Dahinsiechen der Handlung im Mittelteil, das einem zeitweise die Freude am Lesen nimmt. Eventuell hat der Autor aber diese Talsohle für den Leser bewusst eingebaut, um den jahrelangen Prozess erlebbar zu machen, den Seuß bei seinen Bemühungen, die Riemannsche Vermutung zu beweisen, ebenfalls durchlaufen musste.

Christoph Mahnel 
27.04.2020

 
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Das Buch:

Patrick Hofmann: Nagel im Himmel

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Mnchen: Penguin Verlag 2020 304 S., 22,00 ISBN: 978-3-328-60128-9

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