Romane

Lesekino der ganz besonderen Art

Sommer 1989: Der 25-jährige Karl will seine unglückliche Jugend im Internat hinter sich lassen. Ein Job als Assistant Teacher in Columbia, Missouri, ist die ersehnte Möglichkeit. Der Entschluss, jenseits des großen Teiches nach seinem Glück zu suchen, ist für Karl Befreiung und Neuanfang zugleich. Nach dem Tod seiner Mutter fühlt sich Karl von seinem Vater ausgeschlossen. Flucht scheint die beste Lösung. In den USA ist alles möglich und das Leben so viel intensiver als im Rheinland. Da kann es Karl verschmerzen, dass er von seinem geringen Gehalt mehr schlecht als recht lebt. Doch was soll's?! Karl droht vor lauter Verliebtheit eh alles zu vergessen. Die Auserwählte: Studentin Stella. Sie ist so anders als alle Frauen, mit denen Karl bislang zu tun hatte.

Stella eröffnet Karl eine neue Welt, die er allein mit seinem Verstand nicht erschließen kann. Und aller Rationalismus relativiert sich angesichts der Gefühle, die sie in ihm auslöst. Die er ebenso wenig versteht wie ihre eigenartige Gabe, für kurze Zeit die Schwerkraft zu überwinden. Ist das Traum, Einbildung oder das, was man Wirklichkeit nennt? Ehe es sich Karl versieht, gerät er in ein Spiel, dem er nicht gewachsen ist, als er Stellas Mutter kennenlernt. Karl ist fasziniert, sucht ihre Nähe, obwohl er weiß, dass er damit seine Beziehung mit Stella riskiert. Karl befindet sich in einem emotionalen Zwiespalt und weiß sich keinen Ausweg. Ein kleiner Fehler droht sein Glück für immer zu zerstören. Wegen seiner Probleme übersieht Karl, dass die Welt im Wandel ist.

In Europa zerfällt die ungeliebte Heimat, die Karl eh keine war. Das Wendedeutschland ist ihm in Missouri so fern, wie ihm in Köln die DDR gewesen ist. Missouri und seine Landschaft scheinen ihm vertrauter, dieses Amerika des Mittleren Westens heimatlicher als das Deutschland seiner Kindheit und Jugendzeit, das sich radikal verändert. Gemeinsam mit Stella macht sich Karl auf eine Reise gen Westen, nach der nichts mehr ist wie zuvor ...

Unterhaltung, die so überragend genial ist, dass es einen glatt umhaut - grandiosere Literatur als mit den Büchern aus Gregor Hens' Feder kriegt man selten in die Hände. Kein anderer (deutscher) Autor erfasst die wahre Seele Nordamerikas und seiner Bewohner auf solch unfassbar brillante, poetische Weise wie der Wahlberliner. Mit seinen Romanen lässt er den Leser an dieser Kultur so unmittelbar, außerdem lebendig teilhaben, dass man sich während der Lektüre tatsächlich weit entfernt von zuhause glaubt, z.B. für einen Urlaub in den USA, und den ganz bequem von der heimischen Couch aus. "Missouri“ gehört zu den Erlebnissen, die in keinem Bücherregal fehlen dürfen. Kaum aufgeschlagen, erliegt man Hens' Erzählkunst mit allen Sinnen. Diese ist absolut verführerisch!

Was Gregor Hens schreibt, ist nur schwer zu toppen. Er ist ein Ausnahmetalent unter Deutschlands Schriftstellern. Seine Werke zeugen von einer solch unbändigen Fabulierfreude, dass es einen ganz atem- und sprachlos macht. In diesen steckt Poesie der betörend-schönsten, darüber hinaus berauschendsten Sorte. "Missouri“ bedeutet ein Lesegenuss, der (fast) alles andere in den Schatten zu stellen vermag. Und ist zugleich eine Art Zeitdokument über die deutsch-deutsche Geschichte. Das muss man lesen!

Susann Fleischer 
08.04.2019

 
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Das Buch:

Gregor Hens: Missouri

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Berlin: Aufbau Verlag 2019 284 S., 22,00 ISBN: 978-3-351-03758-1

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