Krimis & Thriller

Ein oberschlesischer Krimi als Geschichtsstunde

Der Autor Harald Skrobek hat einen historischen Roman geschrieben, der auf Tatsachen beruht. Doch auch wenn der Autor so objektiv wie möglich an die Niederschrift herangegangen ist, lässt sich nicht jede Person und jede Handlung als hundertprozentig real identifizieren. Aber geschichtlich und historisch gesehen ist vieles Fakt und kommt deshalb ohne Quellenangaben aus. Hier und da befinden sich erklärende Fußnoten zum Text, die meist zur Übersetzung von Fremdwörtern dienen.

Die Erzählung beginnt nicht nur wie ein Krimi, sondern der Krimiaspekt zieht sich wie ein roter Faden durch den weiteren Text, der mit historisch-geschichtlichem Wissen und Fakten gespickt ist. Es geht um die Aufklärung des Mordes an dem Forstinspektor Lasker und seines Setterrüden – die beiden wurden regelrecht hingerichtet. Was wie ein einfacher Mordfall aussieht, entpuppt sich als Geschichtsstunde. Denn es herrscht Krieg und die Hinterbliebenen sind getrennt worden. Mutter und Töchter sind daheim geblieben, drei Söhne mussten an die Front. Zu allem Überfluss machen zwei ortsansässige Schläger ihrem Namen alle Ehre. Kriminalinspektor Roggenbuck und sein Assistent Kuznia gehen schweren Zeiten entgegen. Denn dieser Fall lässt sich nicht so einfach klären, wie die Wildtötungen, die derzeit an der Tagesordnung sind. Und ehe sie sich versehen, sind sie verstrickt in politische Situationen, familiäre Begebenheiten und den ausufernden Krieg. Als sich das Chaos lichtet und die Heimkehrer Einzug halten, fehlt nach wie vor Rudolf, der älteste Sohn des Ermordeten und der Witwe Lasker. Warum taucht er nicht auf der Liste der Gefallenen oder Verwundeten auf? Was hat es mit ihm auf sich?

Harald Skrobek erzählt abschnitts- beziehungsweise kapitelweise aus Sicht der einzelnen Personen. Dadurch lernt der Leser sowohl den Charakter jedes einzelnen Protagonisten sehr gut kennen und verstehen, als auch die jeweiligen Handlungshintergründe. Trotzdem wird das Puzzle nicht zu früh zusammengefügt, nur langsam steigt der Leser durch die Geschichte und bekommt dabei gleichzeitig eine zeitgeschichtliche Führung, eine Lehrstunde über die Zeit rund um den ersten Weltkrieg in Oberschlesien, die politische Machenschaften und Entscheidungen. Mit genauen Daten wird der Leser verwöhnt und gerade die junge Generation erlangt so ein historisches Wissen, welches ihr womöglich bisher verborgen geblieben ist.

Harald Skrobek hat einen sehr informativen und interessanten Roman geschrieben, dem ein gewisser kriminalistischer Spürsinn zugrunde liegt, ebenso wie die Liebe des Autors zu seiner Heimat Oberschlesien. Man glaubt zeitweilig mittendrin zu stecken, sich unter den Gewehrsalven ducken zu müssen oder den Geruch von frisch Gebackenem zu erschnuppern, welcher durchs Forsthaus zieht. Dann wieder riecht man die Reisigzweige und kann vor dem inneren Auge die Sonne durch die Baumwipfel scheinen sehen. Das Geschriebene hat viel Kraft und oberschlesische Atmosphäre. Auch zeichnet Harald Skrobek ein Sinn für Literatur aus und die Begabung, aus alledem einen ansprechenden Roman zu machen, der den Leser auf vielerlei Ebenen fasziniert. Die Recherchen scheinen zum Teil mühsam gewesen zu sein und sind für den Rezipienten nicht immer exakt nachvollziehbar, wie der Autor selbst zugibt, denn es sind seit damals bereits über 90 Jahre ins Land gezogen. Dieser Roman ist durchaus für eine breite Leserschaft geeignet. Nicht nur für Menschen, die aus Oberschlesien kommen, sondern auch für die, die sich geschichtlich weiterbilden möchten und hinter die Kulissen schauen wollen. Das Kreuz von Annaberg, ein doppeldeutiger Titel, dessen Romaninhalt auch für Schüler sehr interessant ist aufgrund der historischen Ereignisse, der Oberschlesischen Geschichte um 1900 und seiner Menschen.

Tanja Küsters
20.04.2009

 
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Das Buch:

Harald Skrobek: Das Kreuz von Annaberg

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2008
313 S., 17,40
ISBN: 978-3-8372-0277-9

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