Krimis & Thriller

Der "Millennium"-Twist

Julia Malmros, Ex-Polizistin und mittlerweile Erfolgsautorin, ist maximal gefrustet. Nachdem ihr offeriert worden war, die nächsten Romane der berühmten "Millennium-Reihe" schreiben zu dürfen, sah sie ihre Schriftstellerkarriere bereits im Olymp angekommen zu sein. Erst recht, nachdem ihr nach eigenem Gefühl sogleich ein richtig großer Wurf gelungen war. Doch sahen dies die Verantwortlichen leider komplett anders und wiesen Julias Geschichte zurück. Zu Recherchezwecken hatte Julia hierfür mit Kim Ribbing, einem Computer- und Hacker-Experten, zusammengearbeitet und viel von dessen Know-How in ihren Roman-Entwurf eingebaut. Doch zumindest eine amouröse Liaison mit dem viel jüngeren Kim ist ihr nach dem Scheitern als neue "Millennium"-Autorin geblieben. Mit Kim verbringt Julia auch just ein wenig Zeit in ihrem Ferienhaus in den Schären, als Schüsse auf einem Anwesen in der Nachbarschaft fallen.

Es ist Mittsommer in Schweden; die von Olof Helanders veranstaltete Feier zum längsten Tag des Jahres ist in vollem Gange, als plötzlich ein Boot mit zwei Männern auf die Insel übersetzt und diese in Windeseile ein Massaker veranstalten. Nur Astrid, die vierzehnjährige Tochter der Gastgeber, überlebt den Anschlag, scheint aber in hohem Maße traumatisiert zu sein und spricht fortan nicht mehr. Julia und Kim sind als erste am Tatort und verständigen die Polizei. Ausgerechnet Julias Ex-Mann führt die Ermittlungen in diesem Fall. Dies hält Julia und Kim aber nicht davon ab, eigenständig Ermittlungen anzustellen, die sie in komplexe wirtschaftliche Beziehungen eintauchen lassen, in die einige der Opfer verwickelt waren. Klima-Kompensationen, chinesische Investoren und ein norwegischer Öl-Tycoon sind nur einige der Zutaten in diesem Fall, der Julia und Kim in allerhöchste Lebensgefahr bringt.

John Ajvide Lindqvist ist ein schwedischer Drehbuchautor und Schriftsteller im Horror-Genre. Er weiß genau, wovon er im vorliegenden Thriller mit dem Titel "Refugium" schreibt, schließlich war er einst in der gleichen Situation wie seine Protagonistin Julia Malmros. Ihm war die Ehre zuteil geworden, nach Stieg Larsson und David Lagercrantz die nächsten Teile der "Millennium-Reihe" schreiben zu dürfen. Ähnlich wie Julia befand er sich in einem Flow, als er die nächste Folge der Geschichte mit Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander niederschrieb. Doch nach der Zurückweisung durch den Verlag hatte er nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern seine Idee in ein eigenes Projekt münden lassen. Flugs tauschte er die Geschlechter der beiden Protagonisten, veränderte noch dieses und jenes, so dass mit "Refugium" nun der Beginn seiner eigenen Reihe vorliegt.

Und in der Tat lebt die turbulente Geschichte von ihren eigenwilligen Charakteren. Dass ein Computer-Nerd oftmals eine psychische Historie mit sich herum trägt, ist nicht neu, aber die Dimensionen, die hier bezüglich Kim Ribbings Vergangenheit angedeutet werden, scheinen in kommenden Teilen auf eine größere Sache hinauszulaufen. Mit Julia Malmros ist Lindqvist ein äußerst skurriler Wurf gelungen: eine selbstbewusste Schriftstellerin, die Zurückweisungen nicht auf sich sitzen lässt und sich mit Kim einen Toyboy leistet, den sie auch mal nach Lust und Laune für ihre Zwecke benutzt. Lindqvists Figuren tragen Potentiale in sich, die im vorliegenden Roman noch lange nicht erschöpft wurden.

Obgleich "Refugium" mehr als 500 Seiten umfasst, ist es ein High-Speed-Thriller, der von seinen Lesern in kürzester Zeit inhaliert werden wird. Verantwortlich dafür ist sicherlich auch die äußere Form, die der Autor seinem Werk verabreicht hat. Stakkatoartig jagt ein kurzes Kapitel das nächste, was dazu führt, dass man als Leser das Buch nicht aus der Hand legen mag, da man immer noch ein bisschen und noch ein weiteres Bisschen weiterlesen möchte. Lindqvist jagt Kim Ribbing über die halbe Welt und seine Leser direkt an dessen Fersen klebend hinterher. Aber auch sich selbst gegenüber ist der Autor knallhart, was die Lieferverpflichtung der kommenden Teile der "Stormland"-Trilogie betrifft. Die deutschen Übersetzungen von "Signum" und "Elysium" sind bereits jetzt terminiert und für Juli 2024 und Juli 2025 angekündigt. Beste Thriller-Unterhaltung aus schwedischen Landen ist somit auch für die beiden nächsten Sommer garantiert!

Christoph Mahnel 
18.09.2023

 
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Das Buch:

John Ajvide Lindqvist: Refugium. Thriller. Aus dem Schwedischen von Franziska Hther, Ricarda Essrich, Thorsten Alms und Hannes Langendrfer

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Mnchen: dtv 2023 528 S., 24,00 ISBN: 978-3-423-28364-9

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