Krimis & Thriller

Und sie schreibt und schreibt und schreibt...

Im November plätschert das Leben in der Touristen-Metropole Venedig deutlich ruhiger vor sich hin als während der Saison. Ähnlich verläuft auch gerade der Arbeitsalltag von Commissario Guido Brunetti. Abgesehen davon, dass Alvise, ein Urgestein der venezianischen Questura, auf einer Gay-Parade Probleme bekommen hat, die zu einem befreienden Outing seinerseits führten, tröpfeln die Arbeitstage von Brunetti gemächlich in Richtung Jahresende. Er hat Zeit, sich mit neuer Literatur in seinem Lieblingsantiquariat einzudecken oder Auskünfte über den möglichen Verkauf eines Palazzos einzuholen. Doch dann schwimmt eine Leiche im Wasser, die Brunetti aus seiner Lethargie weckt. Beim Eintreffen am Fundort trifft es Brunetti wie ein Schlag, ist der Mann doch offensichtlich der Hausangestellte aus besagtem Palazzo, der ihm tags zuvor noch eine Absage bezüglich jeglicher Verkaufsabsichten der Besitzer übermittelt hat.

Das Wehklagen um den Tod des Mannes aus Sri Lanka hält sich allerdings in Grenzen, insbesondere Professore Molin, für den er als eine Art Hausmeister und Gärtner arbeitete, zeigt sich wenig berührt. Auch lassen sich nur wenige Informationen über den Verstorbenen einholen, da er in Italien kaum integriert war, obgleich er schon seit einigen Jahren dort lebte. Brunetti stößt bei seinen Ermittlungen auf einen auffallend verwilderten Bereich im Garten des Palazzo, darüber hinaus auf eine frühere Studenten-Clique, zu der auch Molin gehörte und die einst sehr vehement ihre progressiven Ideen propagierte, überhaupt nicht deckungsgleich mit ihrem heutigen konservativen Lebensstil. Brunetti zeichnet ein tristes, dem Novemberwetter ähnliches Bild eines Mannes, dessen Verschwinden von der Bildfläche des Lebens schon nach kurzer Zeit keine Auswirkungen mehr nach sich ziehen wird. Doch stößt Brunetti nach und nach auf Ungeklärtes, was ihn nur noch neugieriger macht, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

"Wie die Saat, so die Ernte" lautet der Titel von Donna Leons zweiunddreißigstem Brunetti-Roman. Sie schreibt damit ihre Anfang der neunziger Jahre begonnene Erfolgsgeschichte fort, unterstützt durch den Zürcher Diogenes Verlag, der jedes Jahr im Frühsommer den kurz zuvor im englischen Original erschienenen neuesten Roman auch in deutscher Sprache auf den Markt bringt. Bekanntermaßen sind Brunetti-Romane keine Krimis oder Thriller zum Nägelkauen, die US-amerikanische Autorin legt vielmehr Wert auf die Beobachtung von Menschen, die Abstraktion von charakterlichen Eigenschaften in einen höheren Kontext, was schließlich die Ermittlungsarbeit massiv entschleunigt. Oft ärgert man sich als Leser darüber, dass es dem umtriebigen Commissario ob gesellschaftlicher Verstrickungen oder behördlichem Filz nicht gelingt, die Täter adäquat zur Strecke zu bringen und zu bestrafen. Dieses Mal, so viel Spoilern sei erlaubt, wird der Gerechtigkeitssinn des Lesers zumindest ansatzweise bedient.

Im vorliegenden Werk richtet Donna Leon den Blick zurück in wilde italienische Jahre, als in den Siebzigern und Achtzigern kommunistische Parteien nicht nur die Hörsäle einnahmen, sondern durchaus auch eine erhebliche politische Kraft bildeten. Brunetti erinnert sich dabei an seine eigene studentische Zeit und an seine Mutter, die aus einfachen Verhältnissen stammte, ihn aber die entscheidenden Lektionen seines Lebens lehrte. Donna Leon vermischt in "Wie die Saat, so die Ernte" einige historische Ereignisse mit ihrer fiktiven Geschichte, was die erwähnten Rückblicke durchaus greifbarer macht. Es verwundert allerdings, dass die Autorin Zeitbezüge vornimmt - auch Corona wird dieses Mal wieder mehrfach erwähnt -, da ihre Protagonisten, sprich Brunetti, seine Frau Paola und die beiden Kinder in den vergangenen drei Jahrzehnten offensichtlich nur mäßig gealtert sind.

Eine Herausforderung während des jährlichen Leseerlebnisses mit Guido Brunetti ist zum einen, Zeit zu finden, die einem eine kontinuierliche und konsequente Widmung mit der über weite Strecken nur vor sich hindümpelnden Handlung erlaubt, und zum anderen, herauszufiltern, welche Handlungsstränge nur als Begleithandlung dienen und aus welchen sich letztlich die Geschichte und ihr roter Faden aufbaut. So bleibt der Einstieg mit dem Outing Alvises bis zum Ende nur ein Nebengleis, während schließlich alles auf die scheinbar beiläufige Verkaufsanfrage im Palazzo hinausläuft. So wird auch in diesem Jahr nach der letzten Seite der Buchdeckel geschlossen, man beobachtet die zu Beginn des Sommers steigenden Temperaturen und wird sich für den nächsten Brunetti wieder bis zum kommenden Frühjahr gedulden müssen.

Christoph Mahnel 
17.07.2023

 
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Das Buch:

Donna Leon: Wie die Saat, so die Ernte. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

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Zrich: Diogenes Verlag 2023 320 S., 26,00 ISBN: 978-3-257-07227-3

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