Krimis & Thriller

Lagunentreiben

Dass es eines Tages so kommen musste, war jedem klar: Commissario Guido Brunetti bricht im Laufe eines emotional geführten Verhörs mit einem Schwächeanfall zusammen. Nun gut, teils sank er ob der hitzigen Atmosphäre dahin, teils schauspielerte ein wenig, um seinen jungen Kollegen reaktionsschnell vor einer Dummheit gegenüber dem Befragten zu retten. Brunetti wird dennoch ins Krankenhaus gebracht und dort auf Herz und Nieren überprüft. Der Empfehlung der behandelnden Ärztin, sich für mehrere Wochen aus seinem Job zurückzuziehen und sich Ruhe zu gönnen, kommt er nach kurzer Überlegung nach. Brunettis Frau Paola weiß auch sogleich, wo sich ihr Guido perfekt erholen kann.

Auf der Laguneninsel Sant´Erasmo bezieht Brunetti daraufhin ganz alleine ein Zimmer auf einem Anwesen des schwiegerelterlichen Familienzweigs. Dort freundet er sich rasch mit dem deutlich älteren Verwalter Davide an, der - wie sich herausstellt - früher mit Brunettis Vater einmal eine Ruderregatta gewonnen hatte. Die Tage verbringt Brunetti damit zu lesen oder mit Davide und dem Ruderboot die Verästelungen in der venezianischen Lagune zu erkunden. Davide sorgt sich dieser Tage sehr um seine Bienenvölker, die mutmaßlich aufgrund fataler Umwelteinflüsse dahinsterben. Er nimmt zahlreiche Proben, um das Bienensterben untersuchen zu lassen. Mitunter äußert sich Davide, der immer mehr vom Verwalter zum Freund wird, dazu Brunetti gegenüber sehr kryptisch, bis er eines Tages nach einem Unwetter nicht aus der Lagune zurückkehrt. Eine verzweifelte Suche nach Davide beginnt, und schon ist Brunetti in seinem nächsten Fall gefangen.

Donna Leons "Stille Wasser" trägt den Untertitel "Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall", was nach dem silbernen Jubiläum im vergangenen Jahr bedeutet, dass die mittlerweile fünfundsiebzigjährige Autorin weiterhin ihrer Produktionsfrequenz von einem neuen "Brunetti" pro Jahr treu bleibt, was auch sehr gut ist. Sicherlich waren auf der Wegstrecke in den vergangenen Jahren einige Durchhänger dabei, über die die Anhänger der Reihe hinwegsahen, um sich auf die vielen gelungenen Bücher zu freuen, die da ganz bestimmt noch kommen sollten. In der Tat, der vorliegende Fall mit der Ordnungszahl 26 ist wieder ein solcher. Die Autorin hat sich mit dem Kniff einer Auszeit Brunettis ein völlig neues Terrain geschaffen und einen Hintergrund ersonnen, in dem sie ihren Commissario ganz anders als sonst agieren lassen kann.

Natürlich hat Donna Leon auch dieses Mal wieder ein gesellschaftskritisches Thema in den Mittelpunkt ihres Falles gestellt: Umweltverschmutzung und die Auswirkungen auf Bienen stehen dieses Mal auf dem Stundenplan. Der Leser wird rasch von dem gemächlichen Treiben Brunettis auf Sant´Erasmo und den umliegenden Inseln gepackt. Mit Davide hat sie darüber hinaus Brunetti einen nach dem Tode seiner Frau zerrissenen, aber doch sympathischen Charakter an die Seite gestellt. Umso geschockter reagiert der Leser auf das plötzliche Verschwinden des Verwalters, insbesondere nachdem sich dieser bei seinem letzten Ausflug mit Brunetti doch sehr merkwürdig über grundsätzliche Themen des Lebens geäußert hat. Schließlich führen die Erkundigungen Brunettis weit zurück in die Vergangenheit, wo Davide in seinem früheren Berufsleben in einen Arbeitsunfall größeren Ausmaßes verwickelt war. Brunettis Näschen trügt ihn nicht, dort nach der Ursache für Davides Verschwinden zu suchen.

"Stille Wasser" ist wieder einmal ein wahres Lesevergnügen und ein Roman, der von einem ruhigen Grundrauschen untersetzt ist, aber dennoch hochgradig spannend daherkommt und einen extrem nachdenklich stimmt. Brunetti-Fans werden sich das vorliegende Buch sogleich schnappen und lieben lernen, für Novizen ergibt sich eine optimale Gelegenheit, in diese Reihe einzusteigen, da "Stille Wasser" ein absolutes Highlight unter den bisherigen sechsundzwanzig Fällen darstellt. Seit der letztjährigen Jubiläumsausgabe erscheinen das englische Original und die deutsche Übersetzung im Gleichtakt, so dass einem der Blick in die internationalen Neuerscheinungen nicht verrät, ob der nächste Fall bereits in trockenen Tüchern ist. Doch wer die umtriebige und fleißige Schriftstellerin kennt, der darf davon ausgehen, dass im nächsten Frühsommer, wenn die ersten sonnigen Tage bevorstehen, dann auch wieder im Buchladen um die Ecke ein neuer Brunetti-Roman ausliegen wird.

Christoph Mahnel
06.06.2017

 
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Das Buch:

Donna Leon: Stille Wasser. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

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Zrich: Diogenes Verlag 2017
352 S., 24,00 Euro
ISBN: 978-3-257-06988-4

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