Kinder- & Jugendbcher

Geborgen und beschtzt

Boston im Jahre 1918. Hannah Gold ist 14 Jahre alt. Sie lebt mit ihren beiden jüngeren Schwestern Eve und Libbie bei ihrer Tante Rosa, ihre Eltern sind in Russland, der Vater als Soldat im Krieg, die Mutter wird dort festgehalten. Trotz des Kriegs in Europa und der Sehnsucht nach den Eltern leben die Mädchen in einer geschützten Welt – die Nachbarn helfen einander, das Viertel ist ein Ort der Gemeinschaft, man begeht den Sabbat, isst koscher, besucht die Synagoge. Hannah ist verliebt in Harry, den Sohn der Schneiderin Mrs Weitz. Und das Papier für ihre wunderbaren Zeichnungen bekommt sie von der Fischhändlerin Mrs Schwartz, die das Talent Hannahs früh erkannt hat. Es gibt eine Menge Menschen in diesem Viertel in Boston, die Palette ist bunt gemischt, nicht alle Menschen sind Hannahs Lieblinge.

Eines Tages bricht eine schreckliche Grippeepidemie aus. Die Menschen sterben hinweg wie die Fliegen. Vashti, Rosas Freundin, die heilkundig ist, eilt von einem Patienten zum anderen und verliert doch immer häufiger den Kampf um deren Leben. Tante Rosa erkrankt, sie stirbt binnen Stunden. Vashti schickt Hannah aufs Land, sie kann sie nicht mehr brauchen. Voll Angst, ganz auf sich allein gestellt, muss Hannah ihre kleinen Schwestern bei Vashti zurück lassen, vor der sie Angst hat, der sie nicht traut. Sie wird in einen Zug gesetzt. Wäre da nicht das Mädchen mit den veilchenfarbenen Augen, das Hannah begleitet, hätte sie die Verzweiflung überwältigt. Auf der Fahrt wird Hannah krank – die Grippe. Sie landet in einer Rotkreuzstation fern von Boston. Zwei Wochen liegt Hannah auf den Tod, doch sie schafft es. Das verdankt sie nicht nur der guten Pflege der Rotkreuzschwestern, sondern auch dem Essiggebräu von Klaus Gerhard, einem Deutschen – einem Feind also. Das Notkrankenhaus in Brattleboro, der winzigen Stadt, in der Hannah gelandet ist, braucht Betten, so muss Hannah bald zu Klaus Gerhard ziehen. Sie hat die Stimme verloren und gibt im Krankenhaus an, dass niemand nach ihr suche. Klaus Gerhard sorgt gut für Hannah. Auch er bemerkt sofort ihr unglaubliches Zeichentalent. Es dauert eine ganze Weile, bis klar wird, warum Hannah nichts isst – sie weiß nicht, ob die Speisen koscher sind. Danach geht es aufwärts. Zwar ist Hannah nach wie vor stimmlos, aber sie lernt Klaus Gerhard kennen und schätzen. Er hilft ihr, das Geld zu erarbeiten, das Hannah für eine Fahrkarte nach Hause braucht – er opfert sein Haar. Hannahs Briefe an ihre Familie und Freund Harry werden vom Postmann nicht befördert – Hannah lebt in ständiger Angst, dass auch ihre Schwestern an der Grippe gestorben sind. Eines Tages ist sie soweit wieder hergestellt, dass sie die Heimfahrt antreten kann. Sie hat gelernt, dass man die Menschen nicht nach ihrer Nationalität oder ihrem Aussehen beurteilen kann – Klaus Gerhard hat ihr nicht nur das Leben mit gerettet, sondern ihr ganz entscheidende Erkenntnisse und Einsichten vermittelt.

Als Hannah in Boston ankommt, findet sie nichts mehr vor, wie es war. Ihre Schwestern sind spurlos verschwunden, viele Menschen sind gestorben, das Viertel ist ein anderes. Sie übernachtet in einer Laubhütte im Freien – ohne Schuhe, ohne Unterstützung und Hilfe. Es dauert eine ganze Weile, bis sie ihre Familie wiederfindet.

Hannah steht diese ganzen Erlebnisse nur durch, weil sie das Mädchen mit den veilchenfarbenen Augen an ihrer Seite weiß – ihren Schutzengel, der sie leitet, ihr hilft und im rechten Moment zur Seite steht, ihr Leben rettet. Es ist aber nicht nur der Schutzengel, der Hannah hilft, es sind auch die "realen Engel" wie die Rotkreuzschwestern oder Klaus Gerhard, die Hannah klar machen: Man darf niemals aufgeben.

Das Buch versetzt den Leser in eine unbekannte Welt, die eines jüdischen Viertels im ersten Weltkrieg in Amerika. Hannah ist ein Mädchen, mit dem sich viele Kinder identifizieren können – sie ist mutig, sie ist stark, aber sie zweifelt auch, hat Angst, fürchtet sich, bangt um ihre Schwestern. Durch die Ich-Perspektive sind die jungen Leser ganz nah am Geschehen, sie sehen die Welt mit Hannahs Augen, erleben ihre Not, ihre Schmerzen, die Angst hautnah mit, aber auch die winzigen Momente des Glücks und die ganz berührenden Augenblicke, in denen Hannah ihren Engel sieht.

Ungewöhnliche Bilder, eine berührende Geschichte, eine Erzählung, in der es um Vorurteile geht, um Berührungsängste, um die Macht der Gedanken und Wünsche und – um die wunderbare Nähe der Engel zu uns Menschen. Von Kindern weiß man, dass sie ihrem Engel noch ganz nah sind, ihn oft sogar sehen können. Ein bisschen etwas von diesem Wissen, diesem Glauben, vermittelt Karen Hesses Buch und so bleibt dem Leser vor allem auch das Mädchen mit den veilchenfarbenen Augen im Gedächtnis – wehmütig, wenn man erwachsen ist, getröstet und getragen, wenn man Kind ist.

csc
13.01.2003

 
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Das Buch:

Karen Hesse: Hannah Gold. Zeit der Engel

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Stuttgart: Verlag Urachhaus 2002
275 S., 16,50
ISBN: 3-7725-1479-0

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