Gedichtbnde

Weisheiten aus Wortmll - hchste Zeit, sie zu entdecken

Welcher Dichter vermag heute noch Verse wie diese zu schreiben: "Noch flimmert der See im Halbschlaf, / heraufscheint allmählich das Licht - / Der Tag schlägt die Flügel / und schwebt ins Ungewisse hinein." Das Ungewisse ist hier eine Welt voller Hoffnungen, die, selbst ohne Erfüllung, Sinn ergeben. Das lehrt das Liebesgedicht: "Er las den Vers / vom gläsernen Buch ihres Fensters, / in dem das Geheimnis / einer grösseren Liebe flammte - / Da sehnte er sich in die Zeit zurück, / wo der Augenblick, der ihn dort traf, / noch magisch war." Wie könnte man die aufkeimende Liebe besser ins Bild fassen wie im "Vers vom gläsernen Buch ihres Fensters" und ausdrücken, was sie einem später noch bedeutet! Diese Poesie des Alltäglichen erinnert an Eisblumen als Symbolträger flammender Liebesglut, nostalgisch verklärt in der Evokation des Augenblicks, wo in ihr etwas Magisches liegt, doch dieses Liebesgeheimnis keine bloße Illusion, sondern Erfahrung von etwas Reichem bedeutet, auf das man später noch zurückkommen kann.

Der Titel dieses Buches kündigt seine Quintessenz an: Das Erhoffte will seine Zeit. Er variiert die Aufforderung Wittgensteins "Lasst euch Zeit". Diese Dichtung umspielt mehrfach Weisheiten, die Herbert Meier, der 1994-1998 die Sendung Sternstunden der Philosophie im Fernsehen moderiert hat, dem Leser immer diskret mit Verständnishilfen nahebringt, besonders virtuos in der Ode "Mitten im Sommerweizen", wo dieser Titel mit Gedanken des Kirchenvaters Irenäus "von der reifenden Geduld / aller Dinge" anlässlich eines Spaziergangs "an den sanften Hänger der Rhone" illustriert wird. Das lyrische Ich sah dort "auf einer Fahrt mit den Kindern, / frühlingshaft das WORT, / das menschlich wurde". Alte Weisheit kommt einer Einladung gleich, sich Zeit zu nehmen, um innersten, geheimsten Wünschen anzuhangen. Diese Dichtungen von Herbert Meier, der inzwischen das achtzigste Lebensjahr überschritten hat, gewähren der jugendlich frischen Hoffnung Raum und wecken sie gleichzeitig. Sie entdecken sie in unserem Umfeld und werben um Zeit und Raum für das, was sich uns anbietet, aber meistens bei uns nicht ankommt, wie jenes "geheime Gedicht": "Im flirrenden Schleier der Gräser / spielt am Mittag der Wind; / er schreibt geheime Gedichte - / Vernimm aus der Höhe / die Gesänge der Lerche, / und du weißt, was sie las." Der erste Teil dieser Verse skizziert ein Erleben, das der zweite deutend vertieft. Der Gesang der aufsteigenden Lerche und der sanfte Mittagshauch, zwei bekannte Motive, verbinden sich mit einer einfachen Syntax zur Aussage über den Sinn des Lesens, wessen? Der Zeichen? Des Lebens? Der Welt ? Alles in einem!

Hebert Meier lehrt seine Leser, im Geringsten noch etwas Bedeutsames wahrzunehmen. Die Umwelt verwandelt sich auf diese Weise in etwas Poetisches, das meistens übersehen wird, weil es als belanglos eingestuft ist. Begegnungen jeder Art - die verschiedenen Widmungen schließen auch die persönlichen Bande des Dichters ein - werden zu kostbaren Gelegenheiten, um den Reichtum des Augenblicks und die Fülle des Lebens zu erahnen. Wo andere nur Rekordverdächtiges oder Verabscheuungswürdiges aufspüren, sucht dieses dichterische Wort Positives zu erschließen. Der Autor begibt sich auf die Suche nach dem rechten Wort und stößt dabei auf das WORT, in dem die Christen den Schlüssel zum Leben sehen. Das ist christliche Dichtung, wie sie unserer heutigen Bewusstseinslage angemessen ist. Kein triumphaler Jubel über den Besitz der Wahrheit, sondern deren Aufspüren im Beiseitegeschobenen. Dies ermöglicht das Entdecken achtlos, wie Müll entsorgter Weisheiten!

Das WORT, das der höchste Garant für wahre Sprache angesichts des Kehrrichthaufens von leerem Geschwätz ist, umkreist die Dichtung von Herbert Meier. Er klagt über unsere Erfahrung des Sprachverfalls: "Weggefegt über Nacht / meine Wörter, / die gestern noch lichtvoll waren." Den Kindern geht es nicht besser: "Zertreten und verödet / sind die Felder der früheren Spiele, / wo die Bälle der Kinder / noch Gestirne waren ..." In die Szenerie einer sonntäglich sauberen Stadt wird etwas Marginales eingeblendet: "Abseits einer, der die Strasse kehrt, / und Weggeworfenes sammelt, / Erinnerungsstücke, Verlorenes, / sagt er, wenn jemand fragt." Eine Randfigur unserer Zivilisation, die von den Nachbarn, warum wohl? "Doktor Eckhart" genannt wird, nicht der öffentliche Reinigungsdienst, symbolisiert die heutige Aufgabe des Dichters: im Müll des von unserer Zivilisation Degradierten beachtenswerte Erinnerungsstücke zu entdecken.

Die Ode "Im Portikus der Grossbank" entschlüsselt das damit Gemeinte. Dort übernachtet ein Stadtstreicher mit seinem Hund. Die uninteressant gewordenen Aktualitäten der aus dem Abfall geholten Zeitungen überschreibt er mit Sprüchen, die er abends beim Betteln in der Bahnhofshalle zum Dank für die Almosen verschenkt. Doch vergeblich, denn niemand interessiert sich für sie. Nur ein unbekannter "Jemand" sammelt und liest sie in der Früh: es sind Zitate von Nikolaus von Kues, einer Studie von Alois Maria Haas entnommen, dem die Ode gewidmet ist. Wer einwenden möchte, dass hier auf Unzeitgemäßes zurückgegriffen wird, der lasse sich durch das dichte Nachwort von Alois Maria Haas über die postmoderne Dimension von Herbert Meiers Dichtung kompetent belehren. Man kann sich dem Charme dieser Poesie verschließen, sofern man das Wagnis einer metaphysischen Verstörung scheut. Wer keine diesbezüglichen Ängste hegt, entdeckt hier eine Sicht des Christlichen, deren poetische Eindringlichkeit nachdenklich macht.

Poesie und Prosa wechseln sich in dieser Sammlung ab und beleuchten sich wechselseitig. Auf die "lyrischen Notizen", denen die eingangs erwähnten Gedichte entnommen sind, folgt eine wundersame Erzählung "Ich bin dem Namen nach Markus". Hier wird ein Evangelist mit Hinweis auf Wittgenstein eingeführt, der "die Evangelien für keine gewöhnlich historische Nachricht" hielt. Das Thema umkreisen anschließend acht Gedichte nach Matthäus "Wie kann einer sagen". Die Kurzgedichte mit dem Rahmentitel "Kleine Apokalypse" schließen ebenfalls an die Bibel an. Das Gespräch "Der Besuch des Origenes" leitet zur ersten der drei Folgen von "Oden" über, die jeweils durch ein "Mitternachtsgespräch" abgeschlossen werden, philosophische Dialoge, in denen der Dramatiker Herbert Meier seine Virtuosität in der Gesprächserfindung und -führung demonstriert. Dieser Wechsel von der Dichtung zum Gespräch gestattet ihm zwei verschiedene Perspektiven auf das zentrale Thema dieser Dichtungen, die Macht des Wortes, die gleichzeitig das Faszinierende dieser Sammlung von Poesie und Prosa ausmacht.

Herbert Meiers Dichtungen standen im Schatten seiner Dramen, von denen die bis 1995 entstandenen in drei Bänden der Serie Piper erschienen sind, und seiner Romane, bis 2003 der Johannes-Verlag Einsiedeln in Freiburg seine Gesammelte Gedichte veröffentlichte, aus denen im "Besuch des Origenes" das Gedicht "Trinity" übernommen wird. Das Paradox, dass das höchste Mysterium für Christen zum Stichwort für den ersten Atomwaffenversuch verkommt, kommentiert dort der Skeptiker mit der Bemerkung: "Der Glaube hat heute keine Sprache mehr", während der unerwartete Gast Origenes die Hoffnung des Dichters bestätigt, dass eine beschädigte Sprache "immer noch Spuren des Ursprünglichen" bewahrt. Das befremdliche Ausschlachten des Johanneischen "Im Anfang war das Wort" für das "Marketing von Sprachkursen" bringt Origenes nicht aus der Fassung. Das lässt im Lyriker die Einsicht dämmern, "gegen dieses Wort kommt nichts an. Es schützt auch meine Sprache". In dieser Dichtung ersteht Sprache wie Phönix aus der Asche. Herbert Meier besitzt eine ganz eigenständige Stimme unter den zeitgenössischen Dichtern, deren literarischen Rang dieser Band bestätigt.

Die Kritik scheint ihn tot schweigen zu wollen, andere mögen ihn spöttisch mit der Titelgestalt einer seiner Oden, des "Pater Seraphicus", vergleichen, dem schattenhaft vergessene Gestalten folgen. "Abendlich irren / seine Gestalten/ kaum einer erkennt sie". Doch betätigte er sich als "ein Arzt des Wortes. / Lebendiges verschrieb er / aus dem Vergessen denen, die zu ihm kamen ". Herbert Meiers reiche Bildsprache sucht Ihresgleichen in unserer Zeit, auf die sie zugeschnitten und in die sie gesprochen ist. Es wäre ein Jammer, ja ein Armutszeichen für uns, wenn ihr gewaltiges Wort ungehört verhallen würde.

Prof. Dr. Volker Kapp 
21.03.2011

 
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Das Buch:

Herbert Meier: Das Erhoffte will seine Zeit. Gedichte und Prosa

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Freiburg: Johannes Verlag Einsiedeln 2010
168 S., 22,00
ISBN: 978-3-89411-411-4

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