Gedichtbände

Ein sich Öffnen und Suchen

"Mein Gedicht ist kein Messer, kein Pfeil, keine Kugel.
Mein Gedicht ist ein Zuruf, ein Aufruf, ein Lied, das ich singe ..."

Arthur Schopenhauer fand passende Worte für das, was Günter Johannes Henz in seinem Lyrikband gelingt: "Ist doch überhaupt der Dichter der allgemeine Mensch: alles, was irgendeines Menschen Herz bewegt hat und was die menschliche Natur, in irgendeiner Lage, aus sich hervortreibt, was irgendwo in der Menschenbrust wohnt und brütet – es ist sein Thema und sein Stoff." Nun ist es nicht die leichteste Aufgabe, diesen "Stoff" zu ergreifen und zu gestalten, schon gar nicht mit Worten, die nicht so leicht zum Herzen gehen wie Musik. Lyrik hat gleichzeitig noch den hohen Anspruch, das "Nichtwort" zu sein, "ausgespannt zwischen Wort und Wort", wie es Hilde Domin formulierte. Henz schafft diese Gratwanderung auf beeindruckende Weise. In sieben Kapitel gliedert der Autor seine Texte und er handhabt stilistische Mittel mit der Leichtigkeit des Balletttänzers, die langes, hartes Training und eine unverbrüchliche Liebe zum Tun bezeugen. In keinem anderen Bereich öffnet sich die Seele eines Menschen so weit wie in der Lyrik, in dieser Gattung, die große Zwischenräume zwischen den Zeilen benötigt, damit die Gedanken, Bilder, Farben, Klänge und Gerüche aufsteigen, sich entwickeln und entfalten können. Henz zeigt uns seine Seelenlandschaften – er beobachtet genau, die Gedanken hatten vor dem Schreiben Zeit, tief in das Herz einzusinken, sich dort zum Bild zu formen und wieder aufzusteigen. Beim Lesen werden viele Sinne angesprochen. Die Leseraugen wandern mit Henz in seinen Landschaften, für die Musik sorgen nicht nur die gewählten Worte, sondern es klingt und singt im Rhythmus, im Bild, "Klänge sind manchmal wie huschende Muster, wie Schrift die ich lese, wie stehende oder laufende Bilder auf einer Wand", heißt es im Text "Klänge".


Ich und Du, Mensch und Liebe sind nur ein Thema des Autors, seine Sicht geht weit über eine Zweisamkeit hinaus. Mensch und Umwelt, Mensch und seine liebenswerten Seiten, der Mensch als Gestalter und Opfer der Geschichte und ein ganz weiter Ausblick hinaus in das Universum. Auch von ihrer Gestaltung her sind die Texte von faszinierender Unterschiedlichkeit: Klare Formen wechseln sich ab mit subtil gestalteten: Im Gedicht Innenwelt erschließt sich zum Text eine weitere Ebene durch die Kugelgestalt, in welche die Worte eingefügt sind, im Inneren Raum lassend, umfasst von den Zeilen "Innen Innenwelt" und "Ich erkenne sie alle", die das fragile System zusammenhalten. Bildhaft anschaulich verbinden sich Wort und Gestaltung auch im Text "Dichten" – Hier ver-dichtet sich der Text, intensiviert sich und endet mit einem Schuss feinen Humors.


Sensibles Nachspüren ist die Grundlage aller Texte. Manchmal drückt sich viel Schmerz aus, durchlebt, verarbeitet, manches muss offen bleiben, weil es Gemeinschaftsaufgabe aller Menschen ist. Kritische Töne finden sich, resultierend aus der klaren Beobachtung mit dem Verstand, verbunden mit Gefühlstiefe und der Fähigkeit, diese Eindrücke in eine je angemessene sprachliche Gestalt zu geben. Ein wunderbarer Text ist "Für Joseph B. Euys", wer hier nicht Filzhut und den Charakterkopf des Künstlers vor sich sieht, dem kann nicht mehr geholfen werden! Texte sind auch anderen bedeutenden Persönlichkeiten gewidmet wie Carl von Ossietzky oder Günther Eich, ein Anstoß, sich auch mit ihren Themen wieder einmal zu befassen, ihre Gedanken erneut aufzugreifen.


Menschen sind immer auf dem Weg – wenn alles gut geht, auf ihrem eigenen, selbstgewählten. Dieses Glück haben nicht alle Menschen. Viele Texte gelten Gedanken an sie – "Heimkehr 1948" kommt mit wenigen Worten aus und zeigt rasch aber genau den Blick auf eine Wunde, "Vertrieben" richtet den Blick des Lesers auf eigene dunkle Seiten. Wie schnell ist man mit einem Urteil bei der Hand, stutzt zurecht, steckt in Schubladen – die Worte von Henz machen bewusst, was beiseite geschoben wird, sind ein unsichtbares Stoppschild, das uns zum Nachdenken bringt. Ein engagierter, fein ironischer Text wie "Hört auf mit dem Zählen" gibt einen Blick auf unser Hasten, die Berechnungen, die Statistiken mit dem Abstand, der es ermöglicht, den Pendelschwung in die Extremrichtung zu erkennen. Wer im Hamsterrad läuft, verliert den Überblick – Henz hält das Rad an, lässt uns aussteigen und die Szene aus einer anderen Perspektive erfahren, die Brille der Selbsttäuschung, der Egoismen, der Gier, der Lügen erkennen. Oft genügt schon ein kleiner Anstoß zur Erkenntnis, um eine Veränderung herbei zu führen. In diesem sorgsam zusammengestellten Band bekommt man viele Einsichten, die Empfindsamkeit, verbunden mit deutlicher Aussage und klar vertretener Meinung, verbietet flüchtiges Lesen. Musikstücke zeichnen sich manchmal dadurch aus, dass sie in uns eine kleine, leise Melodie hinterlassen, die wir erstaunlicherweise stets wieder finden, wir verbinden sie mit bestimmten Momenten, entdecken sie immer wieder, immer neu, immer anders. Dieses Gefühl hat man beim Blättern, beim Sich-Einlassen auf die Texte in diesem Buch von Günter Johannes Henz auch – da klingen S(e)aiten an, die man vielleicht weggeschoben hat, vergessen, verdrängt und die nun, da sie wieder in Schwingungen kommen, ihren Ton weitertragen können. Von Herz zu Herz, vor allem aber von Seele zu Seele. Und wenn dann noch der Schritt zur Tat erfolgt, lohnt sich der tägliche Weg in unseren Lebensgarten erst recht, denn wir finden dort neben Früchten und anderen Nutzpflanzen ein Blütenmeer, eine rege Vielfalt an Lebewesen und die ordnende Hand eines Gärtners, dessen wichtigste Hilfsmittel Geduld, Liebe, Verantwortungsbewusstsein und ein tiefes Wissen um die Bedürfnisse der ihm anvertrauten Tiere und Pflanzen sind. Und dann geht es dem Leser wie dem Autor in seinem Text "Ausflüge": "Ich kann nicht für immer dort bleiben, aber ich finde und erringe und bringe Dinge, die mir bleiben".

csc
14.07.2002

 
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Das Buch:

Günter Johannes Henz: So unmenschlich menschlich

CMS_IMGTITLE[1]

Frankfurt/M.: Fouqué Literaturverlag 2002
114 S.
ISBN: 3-8267-5075-6

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