Autobiographie

Das Totenopfer von Wolgograd

"Ich wollte eigentlich, in meiner Jugend, katholischer Priester beziehungsweise Jesuit werden", verrät Ortner. Aber es sollte anders kommen. Im Théâtre National Populaire in Paris hat er bei einer Aufführung von Sophokles' "Antigone" eine Vision. Ortner, geboren 1936 in Wien, aufgewachsen in den Wirren und Gräueln des Zweiten Weltkriegs, sieht die Gefallenen seines Heimatlandes unbestattet auf dem Schlachtfeld liegen. "Ich habe mich so aufgeregt. Unsere Soldaten sind nicht begraben!" Die "wuchtige Aufführung" wühlt ihn psychisch zutiefst auf. Ein Umstand, der ihn gesundheitlich von einem Beitritt zum Jesuitenorden Abstand nehmen lässt. Ortner wird Anwalt, ist vierzig Jahre in der Advokatur. Doch "wie ich dann in Pension gegangen bin, habe ich mich mit der Theologie beschäftigt, wie ich es in der Jugend wollte." Auch seine eigentliche Berufung hat er nicht vergessen: Er muss die Toten begraben; ihre Ehre ist heilig, wie ihm seine Mutter schon früh vermittelte.

Ortner setzt sein Engagement für die Kriegsgräberfürsorge in die Tat um, macht sich mit einer Delegation auf den Weg nach Wolgograd. In der Heldenstadt lässt er die Toten von hochrangigen Klerikern einsegnen, verteilt nach dem Gottesdienst Wein aus seinem "Stalingradkelch" und Kommissbrot von der Patene. Eine bewegende Zeremonie.

Mit seinem autobiografischen Werk spricht Ortner ein breites Lesepublikum an.

Da ist die Kriegskindheit, die den Autor zunächst auf die Familienbesitzungen ins böhmische Tabor führt. Zurück in der österreichischen Metropole, warten Gymnasium, Tanzschule, erste Gehversuche in Sachen Liebe und natürlich sein Jurastudium auf ihn. Er verbringt einen wertvollen Auslandsaufenthalt in Princeton/USA, macht Karriere und gründet seine eigene Familie. Es ist ein weltbürgerliches Leben, das trotz seines prägnanten historischen Hintergrundes zeitlos interessant wirkt und bestimmt auch im neugierigen jüngeren Leser seine Zielgruppe finden kann.

Hugo Meyer
17.03.2014


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Otto Ludwig Ortner:
Das Totenopfer von Wolgograd

Bild: Buchcover Otto Ludwig Ortner: Das Totenopfer von Wolgograd

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2014
285 S, € 21,80
ISBN: 978-3-8372-1409-3

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