Medien & Gesellschaft

Am Ende der Welt

Der östlichste Zipfel eines zu Europa gehörigen Landes liegt in der gleichen Zeitzone wie Melbourne oder Sydney, bis dahin benötigt man laut Google Maps von Berlin aus mit dem Auto ca. 129 Stunden für die knapp 11.000 Kilometer lange Strecke. Gefühlt nur einen Steinwurf von der nordkoreanischen Grenze entfernt liegt Wladiwostok, die östlichste Bastion Russland. "Beherrsche den Osten", so will es der Name der Stadt, die Russland wie auch seinen Vorgängerreichen eine wichtige strategische Position sicherte. Aus dem europäischen Blickwinkel endet der Osten meist kurz hinter Moskau bzw. spätestens am Ural, bevor sich dahinter die unendlichen Weiten Sibiriens erstrecken. Wladiwostok setzt dem Ganzen allerdings die Krone auf, gehört es doch geographisch nicht einmal mehr zu Sibirien, sondern liegt es noch viel weiter östlich davon, im "Fernen Osten" - wie diese Konföderation offiziell genannt wird.

Dieser aus hiesiger Perspektive unmöglich erscheinenden Gegend haben sich Katerina Poladjan und Henning Fritsch widersetzt. Poladjan ist selbst Russin, in Moskau geboren, lebt sie seit frühester Kindheit in Deutschland, weiß aber um eine Großmutter, die einige Jahre in Wladiwostok verbracht hatte. Als Schauspielerin und Schriftstellerin hat sie sich einen Namen gemacht, und zusammen mit ihrem Ehemann Henning Fritsch, auch branchennah tätig, gebar sie die Idee, ihre Wurzeln aufzusuchen und ans Ende der Welt zu reisen. Ein Trip nach Wladiwostok strapaziert sogar den Begriff der Fernreise, schließlich sind es selbst von Moskau aus noch acht Flugstunden bis in die Stadt am Japanischen Meer.

"Hinter Sibirien" lautet der Titel dieses gemeinschaftlich von Katerina Poladjan und Henning Fritsch verfassten Reiseberichts. Als Startpunkt ihres Abenteuers hatten die beiden Wladiwostok erkoren, von wo aus sie sich westwärts in Richtung Baikalsee bewegten. Auf ihrer Wegstrecke haben sie sich mit Chabarowsk, Blagoweschtschensk, Tschita und Ulan-Ude weitere Etappenziele gesetzt, die hierzulande kaum bekannt sind, doch mit teilweise mehr als einer Million Einwohnern würden diese Städte in Deutschland allesamt Metropolen-Charakter haben. Im dünn besiedelten Russisch-Fernost handelt es sich hierbei ebenfalls um die zentralen Städte, in denen das Leben pulsiert, zumindest auf die russische Art. Für das vorliegende Buch haben Poladjan und Fritsch ihren Reiseplan als natürliche Kapitelstruktur verwendet. In den unterliegenden Kapiteln kommen wie in einer guten Ehe die beiden Protagonisten im konsequenten Wechselspiel zu Wort, was für den Lesefluss jedoch ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, da es stets einer Adjustierung der Erzählperspektive bedarf.

Die beiden Autoren verstehen es hervorragend, in dem schmalen Büchlein ein eindrucksvolles Bild aus einer Gegend am anderen Ende der Welt zu vermitteln. Aus den vielfältigen, meist zusammenhanglosen Erzählungen erhält man als Leser rasch ein sehr gutes Bild über die Menschen, über die russische Seele und die Denkweise der verschiedenen Generationen. So streifen Poladjan und Fritsch in ihrem Reisebericht quasi nebenbei viele Themen des Alltags, seien es russische Ess- und Trinkgewohnheiten, historische Verwurzelungen, andersartige, aber sehr gut nachvollziehbare Sichten auf das Weltgeschehen oder seien es Sehnsüchte von Menschen, die ihr Leben nahe der Permafrostgrenze bestreiten müssen. Den Autoren wohnt ein angenehmer Plauderton inne, durch den sie ganz beiläufig ihre Leser mit diesem und jenem berühren.

"Hinter Sibirien" ist ein Buch, das wunderbar die deutschen Sehnsüchte nach Sibirien und der Weite des russischen Ostens bedient. So wird der geneigte Leser rasch feststellen, wie in ihm die Idee heranwächst, einmal selbst in seinem Leben nach Russisch-Fernost zu reisen, tagelang in der Transsibirischen Eisenbahn, die von Poladjan und Fritsch übrigens auch intensiv genutzt wurde, zu verweilen und einfach mal zu entschleunigen. Kartenfetischisten werden mutmaßlich die Nase über die lediglich auf der Innenseite des Buchdeckels rudimentär abgebildete Karte rümpfen, doch gibt es dafür schließlich entsprechendes Material im Internet, das es erlaubt, die Wegstrecke größtenteils entlang des Amur detailliert zu verfolgen. Doch dies war schließlich nicht die Intention der beiden Autoren, die zum einen sich selbst einen großen Traum erfüllen wollten und zum anderen ein Lebensgefühl vermitteln wollten, und dies alles ist ihnen hervorragend gelungen!

Christoph Mahnel
05.12.2016

 
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Das Buch:

Katerina Poladjan, Henning Fritsch: Hinter Sibirien

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Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 2016
272 S., 19,95
ISBN 978-3-871-34841-9

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