Medien & Gesellschaft

Ein Kfig voller Nerds

Die US-amerikanische Zeichentrickserie "Die Simpsons" gehört zu den erfolgreichsten Langläufern der jüngeren Fernsehgeschichte. Eine höchst skurille fünfköpfige Familie aus der fiktiven amerikanischen Stadt Springfield stellt die Protagonisten der Serie. Da wären neben dem primitiven Familienoberhaupt Homer und seiner Frau Marge vor allem die beiden Kinder Bart und Lisa zu nennen, während die kleine Maggie in ihrem Strampelanzug nur eine Nebenrolle bekleidet. Seit der Ausstrahlung der ersten Folge im US-Fernsehen vor ziemlich genau 24 Jahren sind mittlerweile mehr als 500 Episoden in zahlreichen Staffeln produziert worden. Eine Ende der Erfolgsgeschichte ist nicht abzusehen.

Der gemeine Fernsehzuschauer wird sich beim Konsum der Serie primär amüsieren, was durchaus gerechtfertigt ist, da die Kombination von Charakteren und Gags sicherlich in erster Linie genau dafür prädestiniert ist. Wer allerdings behauptet, dass "Die Simpsons" geradezu vor mathematischen Rätseln, Botschaften und Hinweisen strotzen, wird daher bei den allermeisten Zuschauern nur ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen. Doch in der Tat gibt es unzählige Episoden, die von höherer Mathematik durchsetzt sind. In Teilen sind die Hinweise für jedermann offensichtlich, obgleich sie die Handlung nicht entscheidend beeinflussen, bisweilen jedoch werden die Botschaften derart geschickt versteckt, dass man sie gar nur mit Hilfe von Zeitlupen und Standbildern hervorholen kann.

Der bekannte Wissenschaftsautor Simon Singh hat sich auf das Abenteuer begeben, die Mathematik hinter Homer, Bart und Co. zu enthüllen. Der Brite, ein studierter und promovierter Physiker, erlangte Ende der Neunziger Jahre mit seinem ersten Sachbuch "Fermats letzter Satz" große Aufmerksamkeit, als er darin die jahrelangen und am Ende von Erfolg gekrönten Bemühungen des Mathematikers Andrew Wiles schilderte, wie dieser zu einem hieb- und stichfesten Beweis der jahrhundertealten Vermutung von Pierre de Fermat gelangte. Dieses Buch sprach sowohl Mathematiker als auch Nicht-Mathematiker gleichermaßen an und machte aus dem Nichts ein Sachbuch, das einer trockenen und theoretischen Wissenschaft zu entstammen schien, bestsellerlistenfähig. In die gleiche Richtung stieß Singh ähnlich erfolgreich mit seinen beiden Büchern "Geheime Botschaften" und "Big Bang".

Das neueste Werk aus der Feder Simon Singhs mit dem Titel "Homers letzter Satz" legt den Verdacht nahe, dass Homer Simpson ebenfalls die Fermat’sche Vermutung bewiesen oder eventuell sogar widerlegt haben könnte. Und so geschah es in der Folge "Im Schatten des Genies" aus dem Jahre 1998, dass Homer in einem Anflug von Genialität ein scheinbares Gegenbeispiel auf die Tafel zauberte: 398712 + 436512 = 447212. Zum besseren Verständnis sei erwähnt, dass Fermats letzter Satz zur Aussage hat, dass es für natürliche Potenzen n>2 keine drei ganzen Zahlen a, b und c gibt, die die Gleichung an+bn=cn erfüllen. Hätte in der dreieinhalb Jahrhunderte andauernden Suche nach dem Beweis jemand auch nur ein einziges Beispiel gefunden, Fermats Vermutung wäre hinfällig gewesen. Seit Wiles' Beweis ist jedoch klar, dass es ein solches Gegenbeispiel nicht geben kann. Des Rätsels Lösung bezüglich Homers Beinahe-Geistesblitz ist, dass sich die linke und die rechte Seite seiner Gleichung nur geringfügig unterscheiden, aber eben keine Gleichheit liefern. Quod erat reducendum ad absurdum!

Besagtes titelspendendes Beispiel zeigt, dass es sich bei den Köpfen hinter der Serie um Menschen mit einer tiefgehenden mathematischen Neigung handeln muss. Doch ist dies gelinde gesagt eine Untertreibung. Simon Singhs Porträts von den Machern der Serie zeigen, dass hier größtenteils schlaue Köpfe aus Mathematik, Informatik, Physik und ähnlichen Wissenschaften am Werk sind, und zwar Männer, die womöglich an jeder Universität dieser Welt Karriere in ihren Disziplinen hätten machen können. Oder um es etwas drastischer auszudrücken: Die Autoren von "Die Simpsons" sind ein Käfig voller Nerds und Geeks, wie die manches Mal etwas weltfremd daherkommenden Jungs, die stets die Besten in Mathe und Physik waren, gerne bezeichnet werden.

So verwundert es nicht, dass Simon Singh auf unzählige Beispiele im Pool der Simpsons-Folgen stößt, in denen mathematische Hinweise gestreut wurden. Da ist selbst die Nummer des gerufenen Taxis keine zufällig gewählte, sondern garantiert eine Zahl mit einer besonderen mathematischen Bedeutung. Simon Singh blickt auch über den Tellerrand von Springfield hinaus und begibt sich mit der Serie "Futurama" auf eine Reise ins 31. Jahrhundert. Da es bezüglich der Autoren von "Futurama" und "Die Simpsons" einige Überschneidungen gibt, trieft auch diese Serie vor mathematischen und physikalischen Seitenhieben. Flankierend zu den verständlich sezierten Simpsons- und Futurama-Folgen fordert Simon Singh den mathematischen Humor seiner Leser heraus. Mit steigendem Schwierigkeitsgrad präsentiert er in Quiz-Form mathematische Witze. Aber nur derjenige, der hierbei augenblicklich lacht, beweist mathematischen Sachverstand und sammelt Punkte!

Wer "Die Simpsons" bis dato völlig unbedarft geschaut und genossen hat, wird von nun an ganz anders auf diese Serie schauen und hinter jeder vorkommenden Zahl oder kryptisch anmutenden Äußerung argwöhnen, dass sich die Autoren wieder einen Spaß erlaubt haben. Dank Simon Singh sind zumindest alle bisherigen Folgen auf die bedeutsamsten Botschaften und Rätseleien abgeklopft und entmystifiziert worden. Wie in seinen bisherigen Büchern gelingt es dem Briten spielerisch, eine breite Leserschaft für seine Ausführungen zu gewinnen. Sowohl für den Mathematiker gibt es die eine oder andere neue Erkenntnis als auch für den weniger Mathematik-affinen Leser finden sich zahlreiche Stellen mit garantierten Aha-Erlebnissen.

Christoph Mahnel
06.01.2014

 
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Das Buch:

Simon Singh: Homers letzter Satz

Mnchen: Carl Hanser Verlag 2013
320 S., 21,50
ISBN: 978-3-446-43771-5

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