Medien & Gesellschaft
Dem Schurkenstaat entkommen
Der Nordkoreaner Shin Dong-hyuk führte in seinen ersten 23 Jahren auf Erden ein Leben, das bei naiver Betrachtung ein halbes Jahrhundert nach Hitler und Stalin nicht für möglich gehalten werden konnte. Shin wurde 1982 in einem Straflager in Nordkorea geboren, für das die aus der stalinistischen Ära herrührende Bezeichnung "Gulag" mehr als treffend ist. Dort musste er aus nächster Nähe die öffentliche Hinrichtung seiner Mutter und seines älteren Bruders mit ansehen, bevor er im Januar 2005 einen für unmöglich gehaltenen Fluchtversuch aus Lager 14 wagte, der schließlich mit der Freiheit belohnt wurde, obgleich die seelischen Grausamkeiten, die Shin Dong-hyuk erleiden musste, ihn noch ein Leben lang begleiten werden.
Nordkorea ist ein Land, das im 21. Jahrhundert wie ein Mysterium aus einem Fantasy-Roman oder einer Dystopie daherkommt. Eine kleine Elite lenkt und leitet 24 Millionen Menschen nur schlecht und sicherlich nicht recht. Der jeweilige Führer wird dank eines hervorragend funktionierenden Propagandaapparats vom an Hunger leidenden Volk gottgleich verehrt. Die Grenzen sind hermetisch abgeriegelt, nur spärlich wird Ausländern der Zugang gewährt, während die wenigen Flüchtlinge aus Nordkorea die einzigen Quellen für die westliche Welt sind, um den Wahnsinn in Nordkorea in Ansätzen nachzeichnen zu können.
Der US-amerikanische Journalist und Autor Blaine Harden hat sich der unglaublichen Geschichte des Shin Dong-hyuk angenommen und dieses einzigartige Zeugnis menschenunwürdiger Behandlung im vorliegenden Buch aufgeschrieben. Die Besonderheit Shin Dong-hyuks liegt darin, dass es nie zuvor jemandem, der bis dato sein ganzes Leben im Lager verbracht hatte, gelungen war, aus Nordkorea zu fliehen. Shin Dong-hyuk hatte in den ersten 23 Jahren seines Lebens keine menschlichen Gefühle entwickeln können. Sein einziges Interesse galt der nächsten Mahlzeit und dem Überleben trotz der harten Arbeit, der fiesen Methoden der Aufseher und der spärlichen Nahrungssituation. So sah Shin selbst in seiner eigenen Familie Konkurrenten im täglichen Überlebenskampf.
Harden hat in "Flucht aus Lager 14" die Geschichte Shins aufgeschrieben, beschränkt sich dabei aber nicht auf die Rolle des Ghostwriters und lässt Shin etwa als Ich-Erzähler auftreten, sondern reserviert die erste Person für sich selbst. Dies erlaubt Harden seine eigenen Erfahrungen mit Shin glaubhaft darzustellen. In der Tat war es für ihn kein leichtes Unterfangen, Shin Dong-hyuk die Geschichte seines Lebens abzuringen, zu verschlossen war Shin nach seinem Schritt in die Freiheit. Harden sah sich wie andere Menschen in Shins neuem Umfeld mit dem Problem konfrontiert, dass dieser sich zunächst weigerte, die Wahrheit aus sich herausfließen zu lassen, und stattdessen Schuld auf sich nehmen wollte.
Die Erzählungen Shins aus der Kindheit mit den Qualen des Alltags erinnern an die Berichte von Häftlingen aus stalinistischen Lagern. Ein simples Regelwerk bestimmte den Tagesablauf von Shin, seiner Familie sowie allen anderen Lagerinsassen und wurde nur durch besonders schreckliche Grausamkeiten unterbrochen, wenn sich beispielsweise jemand mit fünf Maiskörnern in der Hosentasche erwischen ließ. Auch Shin war als Dreizehnjähriger nach dem gescheiterten Fluchtversuch seiner Mutter und seines Bruders mehrere Monate unter Tage festgehalten und grausam misshandelt worden. Sein Überleben trotz aller Widrigkeiten und insbesondere seine Flucht gleichen einem großen Wunder und machen seine Geschichte so unglaublich und gleichsam wertvoll, so dass sie erzählt und in die Welt hinausgetragen werden muss.
Blaine Hardens "Flucht aus Lager 14" ist ein Buch, das auf der gesamten Welt außerhalb Nordkoreas sicherlich mit ungläubigem Kopfschütteln gelesen wird, da es Zustände beschreibt, von denen man zu Beginn des 21. Jahrhunderts einfach nicht glauben kann, dass sie auf dieser Erde noch irgendwo vorherrschen können. Nach dem Zusammenbruch fast aller totalitären Regime im vergangenen Jahrhundert ist Nordkorea ein Relikt aus der Vergangenheit, für das sich hoffentlich nur noch die Frage nach dem Zeitpunkt des Zusammenbruchs stellt. Das vorliegende Buch kann und muss dabei helfen, den Rest der Welt wachzurütteln, um den Druck auf die Verbrecherbande in der nordkoreanischen Führungsebene sanft zu erhöhen, da auch jetzt noch viele Menschen in Nordkorea das gleiche Schicksal wie einst Shin erleben und erleiden müssen.
Christoph Mahnel
08.10.2012







