Medien & Gesellschaft

Mndig ohne Mdigkeit

Tagesberichte aus Thailand sind Berichte vom Tage. Berichte, die das Tagesgeschehen berücksichtigen. Doch, das ist nicht Thailand. Zu wenig wird von dem offenbar und so öffentlich, was und wie Thailand ist. Wie und was ist Thailand? Dem tatsächlichen Thailand hat sich der Erzähler und Essayist Marko Martin genähert.

Der aktuellste, jüngste Text seiner Sammlung „Sonderzone“ - Nahaufnahmen zwischen Teheran und Saigon - ist Thailand gewidmet, wo der Autor wiederholt war. Der Text hat den bezeichnenden Untertitel "Eine Suche nach dem, was Thailand zusammenhält". Klingt hoffnungsvoll, obwohl das Wort zusammenhält den Informiert-Uninformierten stutzig machen muss. Was weiß der Autor? Was berechtigt ihn zu seiner Aussage? Was weiß er genauer? Wieso spricht er von Zusammenhalt, während die Weltmedien fortwährend über Zwist berichten und über Zerfall lamentieren.  Marko Martin schützt die mediengeblendeten Augen vor der Blendung. Seine Texte sind Schutzblenden, die die ungestörte Rundumsicht gestatten. Wieder und wieder hat sich der Autor in nahen wie fernen asiatischen Gefilden umgesehen. In der Summe ist der Band „Sonderzone“ eine untouristische Tour durch das Asien im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. „Sonderzone“ ist das Buch eines unverändert jugendlich wirkenden, agilen, überaus belesenen wie hinreichend lebenserfahrenen Autors. Der konstatiert die westliche Müdigkeit gegenüber den außerwestlichen Welten. Er reagiert rigoros, wann und wo er die offenkundige Überheblichkeit der Politiker des Westens wahrnimmt. Martin macht sich das arrogante Politikergeschwafel zunutze. Er misst die bedenkenlos-unbedachten Äußerungen an der asiatischen Wirklichkeit. So mancher schamlose Lapsus der Politiker wird als simple Dummheit entlarvt.

Marko Martin ist auf den Straßen der Länder unterwegs. Er beguckt sie nicht durch das Sicherheitsglas diplomatischer Vertretungen. Er besucht und besichtigt Asien nicht mit gefestigter, vorgefasster Selbstgewissheit. Stets ist er der Skeptiker, der sich fragt - fragen muss - ob er das, was er erlebt, richtig erlebt. Er traut seinem Sehen, Hören, Spüren, Merken und traut sich nicht. Also muss er sich seines Sehens, Hörens, Spürens, Merkens in den Begegnungen mit den Landsleuten vergewissern. Er muss seine Wahrnehmungen in Beziehung zu den Wahrnehmungen anderer Weltbeachter und -betrachter bringen. Er möchte in seinen Äußerungen weiter kommen als Andere gekommen sind. Martin ist nie der Von-außen-Kommende, der sich gemütlich einrichtet. Stets sucht er Kontakte zu kritischen, politischen Insidern, die ihn mit Stadt, Land, Leuten vertraut machen. Mit der Wirklichkeit, die jenseits der öffentlichen, offiziösen Medien existiert. Mit der Wirklichkeit, die das Ergebnis langer, oft widriger, widersprüchlicher Entwicklungen ist. Weltpolitik wird begreifbar, die in die jeweilige Landespolitik, Landespolitik, die in die Weltpolitik hineinwirkt.

Marko Martin ist ein Weltreisender. Seine Texte sind Wortreisen. Nicht durch, sondern in die asiatische Welt. Texte, die nicht unbedingt das sind, was durchreisenden Touristen nützt, obwohl ihnen das Wissen des Schreibers von Nutzen sein könnte. Marko Martin ist kein furchtloser Weltenbummler. Er ist einer, der sich immer neu ermutigt, in die Welt zu reisen, die ihn sorgt, und in die er sich aufmachte, als er, 19-jährig, die DDR verließ. Wohlbedacht. Der Wille, die wahre Welt zu erkennen, ist in Martin so stark wie der Wille, mit Worten, in seinem Wort, seine Weltsicht zu artikulieren. Das heißt neugierig, eitel und ehrgeizig zu sein. Heißt, nie beliebige Reiselektüre zu liefern. Heißt, seine zeitgemäße, essayistische Literatur über die Reisen in die Welt, die Welt des Reisens zu schreiben. Geschichten gegenwärtiger Tage also, die nicht im Sumpf des Tages versinken.

Marko Martin ist ein Schriftsteller, der Glück hat mit sich. Er ist gut im Aufbewahren seines Wissens. Er ist gut in der Wiedergabe seines Wissens. Er hat die Worte, um sein Wissen weiterzugeben. Darauf können sich die Leser verlassen, die sich auf Marko Martin einlassen. Er lässt niemand mit sperierten Tagesereignissen allein. Der Schriftsteller sorgt dafür, dass die Leser verstehen, weshalb die Ereignisse eines Tages - siehe Thailand - mehr sind als das Ergebnis eines Tages.

Bernd Heimberger
15.12.2008

 
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Das Buch:

Marko Martin: Sonderzone. Nahaufnahmen zwischen Teheran und Saigon

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Springe: Zu Klampen Verlag 2008
160 S., 16,00
ISBN: 978-3-866-74033-4

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