Biographie

Zeitdokument zum Leben in Gefangenschaft

Wer von den Heutigen nachempfinden m?chte, was "Heimat" in fr?heren Zeiten bedeuten konnte, dem sei das Buch von Margarete Klose empfohlen: "Die verlorene Heimat". Diese deutsche Frau, die ?ber zwei Jahre in westsibirischer Gefangenschaft verbrachte, hat interessanterweise nicht diese Zeit der Isolation und der h?rtesten Not im Titel aufgef?hrt, sondern den Verlust des einstigen Heimatgef?hls.

In Erinnerung behalten hat Margarete Klose den goldenen Schein der Sonne, das Zwitschern der V?gel bei Tagesanbruch, die Einfachheit und die Klarheit des Lebens in der vertrauten Umgebung, die man von Geburt her kannte. Das war die Heimat als Ausgangspunkt ihrer Geschichte, die mit dem Einzug der Russen 1945 eine schlimme Wende nahm.

Diese begann unauff?llig, ja schleichend. Zun?chst war diese Aufgabe der Heimat nur als Unruhe sp?rbar. Dem folgte die Erkenntnis, dass nun eben die Russen kommen w?rden, und es folgten die ?berst?rzten Fluchtbewegungen nach Westen - wenigstens f?r jene, denen dies gelingen sollte. Margarete Klose blieb stecken. Der Viehwagen brachte sie nicht weit genug.

Den Schluss des Buches macht ein ganz anderes Heimatbild. Deutschland ist der Entlassenen fremd geworden. Es war kein Zur?ck, sondern ein m?hseliges Weiter. Erstaunlich, dass auch hier weder Resignation noch Bitterkeit die S?tze pr?gen. Der Grund mag darin liegen, dass sich Margarete Klose tief im Innern eine Mitte bewahren konnte, aus der heraus sie imstande war, auch im neuen Deutschland sie selber zu bleiben. Die Sehnsucht nach der Heimat hatte sie am Leben erhalten, zu einer Erl?sung f?hrte sie nicht.

Die Jahre dazwischen, die zweieinhalb Jahre Unfreiheit, umschreibt sie mit Worten, welche die Verzweiflung nur erahnen lassen. Von "schuldloser Schmach" spricht sie. Gefangenschaft - sie zeigte sich zun?chst in der Entw?rdigung, in der Geringsch?tzung und in der Unmenschlichkeit existenzieller Bedr?ngnis. "Wir wurden geachtet wie Schlachtschafe", notierte Margarete Klose in ihrem Buch. Wiederholt scheint die Krise in der Beziehung zwischen den Deutschen und den Polen selbst in der Gefangenschaft auf. Die russischen Sieger ihrerseits spielten ihre Rolle auf b?se und arglistige Weise aus und dazu gesellten sich die K?lte Sibiriens, die Schrecken der Nachtarbeit, die Allt?glichkeit des Todes.

Die Sprache bleibt ?ber all die Seiten unverf?lscht, scheint es, sie f?llt nie ins Weinerliche ab und besch?nigt auch nicht. Sogar die Handschrift, die im Buch kurz wiedergegeben ist, belegt brave deutsche Korrektheit und Wahrheitstreue. So anschaulich und so ausf?hrlich, wie sie die einzelnen Szenen der Lagerarbeit und den Hunger beschrieb, so kurz erw?hnt sie, gegen ein Satzende hin, ihre Vergewaltigung. Man kann sich vorstellen, was diese knappen Worte in ihrer gespenstischen Wirklichkeit bedeuteten.

Wer das am Schluss wiedergegebene Geburtstagsgedicht, geschrieben im Ural 1946, aufmerksam liest, wird beeindruckt sein. Wie viel Mut ein Mensch sich selber zu geben vermag, alleingelassen, umzingelt von Feindlichkeit, vor sich die unsichere Zukunft.

Ronald Roggen
18.04.2011 

Eine Lesung aus dem Buch finden Sie hier: 
http://www.autoren-tv.de/vorschaltseiten/klose2011_intro.html

 
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Das Buch:

Margarete Klose: Die verlorene Heimat. Westsibirien in den Jahren 1945-1947. Eigene Gefangenenerlebnisse

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Frankfurt am Main: Fouqu Literaturverlag 2007
172 S., 8,90
ISBN: 978-3-86548-926-5

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