Biographie

Robert Riese Unvergessen!

Der 10. November 2009 war der Tag, an dem die Fußball-Nation Deutschland in Schockstarre verfiel: Deutschlands Nummer Eins, der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft Robert Enke hatte sich an einem Bahnübergang unweit seines Wohnortes Empede das Leben genommen. Enkes Suizid löste eine ungekannte bundesweite Betroffenheit aus, die sowohl einem ganz besonderen Sportler Respekt zollte als auch Ausdruck sein wollte dafür, dass im knallharten Geschäftsleben mehr Platz für menschliche Werte und Schwächen sein möge. Robert Enke litt an einer schweren Depression, die ihm scheinbar keinen anderen Ausweg ließ, als sich das Leben zu nehmen.

Knapp ein Jahr nach Enkes Tod ist das Ansehen des ehemaligen Torwartes von Hannover 96 ungebrochen. Ronald Reng, einer der renommiertesten deutschen Sportjournalisten, hatte einst mit "Der Traumhüter", der fabelhaften Geschichte eines deutschen Amateurtorwartes in der englischen Premier League einen Riesenerfolg. Als Wegbegleiter Enkes hatte er schon des Öfteren mit diesem darüber gesprochen, nach dem Ende dessen Torwartkarriere gemeinsam an einer Biografie schreiben zu wollen. Nun hat Reng diese Biografie tatsächlich geschrieben, allerdings ohne die Unterstützung Robert Enkes. In enger Zusammenarbeit mit der Witwe Teresa Enke liefert Reng dem Leser ein Sportbuch der Extraklasse. Er zeichnet Enkes Weg von den Anfängen Mitte der Neunziger bei Carl Zeiss Jena in der Zweiten Bundesliga bis zum bitteren Ende in den Herbsttagen 2009.

Eines vorweg: "Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben" ist beileibe kein Buch, das lediglich dem Bedarf einer Gesellschaft geschuldet ist, die neugierig ist und mehr über die Hintergründe des Gefühlslebens Robert Enkes erfahren möchte. Ronald Reng hat in dem vorliegenden Buch vielmehr eine Aufarbeitung des Unfassbaren geschaffen, die auch nicht-fussballinteressierten Lesern als unvergessliche Lektüre in Erinnerung bleiben wird. Er schafft ein Verständnis dafür, warum Enke nicht in der Lage war, den „Schwarzen Hund" abzuschütteln, der ihm jegliche Kraft raubte und in allem nur das Schlechte sehen ließ. Anhand von Gesprächsrekonstruktionen mit Mitspielern und Freunden wird deutlich, dass Enke in seinen letzten Tagen und Wochen nicht mehr Herr über sich selbst und seine Fähigkeiten war.

Ronald Reng hat in der Recherche zum vorliegenden Buch eine breite Fülle von Wegbegleitern Enkes aus Jena, Mönchengladbach, Lissabon, Barcelona, Istanbul, Teneriffa und Hannover aufgesucht und deren Einsichten in die Person Robert Enke verarbeitet. Reng erzählt die fussballerische Vita Enkes chronologisch, beginnend in der Zweiten Liga über das Bundesliga-Debüt am Niederrhein, die glückliche Zeit in Portugal, den vermeintlichen Karrierehöhepunkt beim ruhmreichen FC Barcelona, das Drama am Bosporus, das Wiederaufblühen auf den Kanaren bis hin zur Ankunft im bodenständigen Hannover, dem Niemandsland der Bundesliga. Dabei wird jeder Leser bei sich mitunter eine eigenartige Dynamik in der Rezeption des Buches entdecken. Während gewöhnlich die Lesegeschwindigkeit und die Konsumlust an einer Geschichte ab der Hälfte eines Buches beträchtlich zunimmt, ist hier das Gegenteil zu beobachten: Nachdem sich die erste Hälfte als hochspannende Erzählung einer sich positiv entwickelnden Karriere eines Ausnahmetalents liest, wird dem Leser ab der ersten Depression im Jahre 2003 klar, dass sich von nun an die düsteren Wolken über dem Leben Robert Enkes zusammenziehen. Dies mag bei manchem Leser eine drastische Drosselung des Lesetempos bewirken und eventuell - ob des Wissens über den Ausgang - in einer Abneigung vor den nächsten Seiten gipfeln.

Rengs Biografie gibt denjenigen Leuten, die die Beweggründe Enkes zunächst nicht nachvollziehen konnten, eine Idee, warum Enke letztlich so gehandelt hat wie geschehen. Enkes Suizid war die Konsequenz einer aussichtlosen Situation, für die es gewiss an einigen Stellen Auswege gegeben hätte. Dennoch vermeidet Reng es, diese Möglichkeiten explizit als solche zu kennzeichnen. Er schildert objektiv die Fakten und lässt Beteiligte zu Wort kommen, so dass jeder Leser sich sein eigenes Urteil bilden darf, an welchen Gabelungen im Leben Enkes ein weiterer Schritt in die falsche Richtung gegangen worden ist. Insbesondere die Schilderung der zweiten Depression im Sommer und Herbst 2009 erweckt den Anschein, dass hier bereits keine Hilfe mehr für Robert Enke möglich war. Zu sehr hatte ihn die Aussicht, als Nummer Eines zur bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft zu fahren, in Beschlag genommen, als dass ihm eine stationäre psychiatrische Behandlung möglich erschien. Das Versteckspiel um seine Krankheit in den letzten Wochen seines Lebens schockiert und berührt den Leser zugleich. Ronald Reng ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, das Freunde des runden Leders aber auch Nicht-Fußballer sehr bewegen und nachdenklich stimmen wird über die Maschinerie des Alltags, die keinen Platz für menschliche Schwächen und Verfehlungen lässt.

Christoph Mahnel
25.10.2010

 
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Das Buch:

Ronald Reng: Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben

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Mnchen: Piper Verlag 2010
426 S., 19,95
ISBN: 978-3-492-05428-7

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