Buch des Monats Dezember 2018

Was wäre, wenn?

Mal angenommen, dass das Internet tatsächlich schon viel früher erfunden wurde, etwa schon in der Kaiserzeit. Mobilfunk ist bereits in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gang und gäbe, bargeldlose Zahlungen ein etablierter Standard in der Bevölkerung schon während der Weimarer Republik. Soziale Medien und ein deutsches Forum erfreuen sich zur Zeit des Dritten Reiches größter Beliebtheit. Komputer bestimmen das gesellschaftliche Leben, als Adolf Hitler an die Macht gelangt und sich die Vorzüge dieser Technologien zunutze macht. Mit deren Hilfe lässt sich ein perfekter Überwachungsstaat schaffen, in dem sich politischen Gegnern keine Möglichkeiten mehr bieten, unerkannt zu bleiben, geschweige denn heimlich im Untergrund zu agieren. Die Analyse großer Datenmengen liefert Hitler und seinen Schergen Vorhersagen über potentielle Straftäter, so dass jeglicher Widerstand quasi im Keim erstickt wird.

Helene Bodenkamp ist eine 21-jährige Programmstrickerin, die in Weimar im Nationalen Sicherheits-Amt, kurz NSA, arbeitet. Dank ihrer überragenden Fähigkeiten genießt sie trotz ihrer jungen Jahre großes Ansehen an ihrem Arbeitsplatz. So wird gerne auf sie zurückgegriffen, wenn Nazi-Größen der Behörde einen Besuch abstatten. Mit ihren Programmen liefert sie unbewusst die Basis für Auswertungen, mit denen Himmler beispielsweise das Versteck der Familie Frank in Amsterdam ausfindig machen kann. Doch als eines Tages mit Artur, Helenes heimlicher Liebe, ein Kriegsdeserteur Unterschlupf bei Helene und ihren Freunden sucht, wird ihr schlagartig bewusst, dass die Nazis mit Hilfe ihrer Programme dem Liebsten auf die Spur kommen werden. Die Bevölkerung ist völlig gläsern geworden und den Suchhunden des Diktators schonungslos ausgeliefert. Da werden Helene selbst ihre Fähigkeiten als Programmstrickerin nichts mehr nützen, so dass sie volles Risiko gehen und ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen muss, um ihre große Liebe zu retten.

"NSA" lautet kurz und prägnant sowie bewusst zweideutig der Titel des neuesten Romans von Andreas Eschbach. Der Autor zahlreicher Bestseller besetzt mit seinen Werken eine ganz besondere Nische der Science-Fiction-Literatur, indem er nämlich die reale Welt mit seinen immer wieder überraschend daherkommenden fiktiven Ideen verknüpft. Seine Erfolgsstory nahm vor mittlerweile zwei Jahrzehnten ihren Lauf, als er mit "Das Jesus-Video" seinen ersten großen Hit landete. Seitdem liefert er alle ein bis zwei Jahre einen Bestseller nach dem anderen ab. Dabei geht er erfrischend erfinderisch vor und nimmt sich stets neuer Themen an, die sich mal mit Wahlen und diesbezüglichen Manipulationsmöglichkeiten, mal mit der Endlichkeit des Öl-Vorkommens oder dem jahrhundertealten Bankenwesen beschäftigen.

Der neueste Roman Eschbachs ist wenig überraschend auch als Hörbuch erschienen. Neben einer gut 22-stündigen Komplettlesung, die nur als Download erhältlich ist, hat Lübbe Audio eine haptische Hörbuch-Ausgabe produziert, die mit knapp zwölf Stunden jedoch deutlich reduzierter daherkommt. Trotz der fast 50-prozentigen Kürzung hat man nie das Gefühl, an irgendeiner Stelle abgehängt worden zu sein. Gute Arbeit hat man jedoch nicht nur den verantwortlichen Bearbeitern der vorliegenden Ausgabe zu bescheinigen, sondern auch Laura Maire. Die gleichermaßen als Schauspielerin wie auch als Synchronsprecherin tätige Vorleserin des Hörbuchs glänzt mit ihrem stimmlich gelungenen Vortrag. Sie verleiht Helene, der Protagonistin in "NSA", im Laufe der Geschichte Konturen und gibt der Zerrissenheit, in der diese sich befindet, eine Stimme.

Man mag die "Was wäre wenn"-Idee Eschbachs sicherlich belächeln und kritisieren dürfen, doch wer die aktuellen Diskussionen zum Thema Datenschutz verfolgt, wird immer wieder über den Aspekt stolpern, dass Menschen in idealen Welten oder auch in westlich zivilisierten Demokratien nichts oder nur wenig zu befürchten haben. Doch wenn Diktatoren oder Despoten sich sämtliche Bewegungsdaten ihrer Untergebenen zunutze machen, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Und genau diese Fantasien lebt Eschbach in "NSA" ungehemmt aus, obwohl er eigentlich nur aktuelle Inhalte ein Dreivierteljahrhundert auf der Zeitachse nach hinten verschoben hat.

Als Hörer wird einem bei der Geschichte um Helene und Artur regelrecht schwindelig, wenn einem peu à peu klar wird, welche Möglichkeiten sich Datenbesitzern bieten und wie wenig Möglichkeiten Datenlieferanten nur noch haben, sich dem großen beobachtenden Bruder zu entziehen. Insofern hat Eschbach an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas dick aufgetragen, aber letztlich mit "NSA" doch denjenigen wachgerüttelt, der die Bedeutung des Datenschutzes bisher noch verkannt hat.

Christoph Mahnel
03.12.2018

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Andreas Eschbach:
NSA

Bild: Buchcover Andreas Eschbach, NSA

Sprecherin: Laura Maire
Köln: Lübbe Audio 2018
Spielzeit: 689 Min., € 22,90
ISBN: 978-3-7857-5763-5

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.