Buch des Monats November 2026

Ein packender, mitreißend erzählter Gang durch zweitausend Jahre europäischer Geschichte

Wo kommen wir her? Wie sind wir geworden, wer wir sind? In Zeiten der Neuordnung der westlichen Welt und wachsender Orientierungslosigkeit müssen wir uns in Europa diese Fragen dringlicher denn je stellen. Géraldine Schwarz führt uns durch mehr als zweitausend Jahre europäischer Geschichte, von den Anfängen bis heute, und zeigt: Wenn wir uns auf unsere gemeinsamen Wurzeln besinnen, können wir auch unserer Gegenwart Sinn verleihen. Anhand der zentralen historischen Säulen Christentum, Kapitalismus und Freiheit erzählt sie von Licht- und Schattenseiten, weit abseits der engen Grenzen nationaler Narrative. Es geht u.a. um: "Und es ward die Kirche", "Das Kreuz und das Schwert", "Glaube und Verfolgung", "Die Reformation", "Die Bankiers von Europa",, "Politik als Business", "Die Zerstückelung Afrikas", "Die mörderische Utopie" und, und, und.

Schwarz führt vor Augen, wie vielseitig und verwoben die Entwicklungen auf unserem Kontinent sind. Von der Erfindung der Demokratie über die Ausbreitung des Christentums, den Aufstieg zur wirtschaftlichen und kolonialen Weltmacht bis zu den großen Aufbrüchen zur Freiheit spürt sie Querverbindungen der europäischen Geschichte nach, fördert die bis heute einenden wie auch widerstreitenden Ideen zutage. Ein packendes Panorama, das uns daran erinnert: Europa ist nicht etwa ein abstraktes Konstrukt, sondern unsere gelebte Realität und damit aktuell(er) als jemals zuvor. Gerade in Zeiten wie den unsrigen, wenn ein als gesichert rechtsextremistische Landesverband wie die AfD Sachsen-Anhalt die Wahlen gewinnt, muss man sich erinnern; vor allem an die dunklen Zeiten Deutschlands. Schwarz entreißt damit solchen Parteien den Schleier; hoffentlich für jedermann!

Im Herbst 2017 erschien in Frankreich mit Géraldine Schwarz' umfangreichem dokumentarischem Essay "Les Amnésiques" (dt. "Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin") eine schmerzhafte Aufarbeitung der Nazi-Zeit in Deutschland. Er wurde 2018 mit dem Preis des Europäischen Buches ausgezeichnet. Es folgten viele weitere Werke aus ihrer Feder. Aktuell im Buchhandel zu finden, ist "Wer wir waren, wer wir sind", und hoffentlich auch ganz weit oben in den Bestsellerlisten weltweit. Denn das vorliegende Sachbuch ist eines mit großem Unterhaltungs-, aber noch größerem Wissensmehrwert. Definitiv ein Geniestreich! Während dessen Lektüre kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn was man hier in die Hände bekommt, ist überraschend in jeder Hinsicht, unterhaltsam und einzigartig unter den Neuerscheinungen der letzten Jahre.

Sachliteratur mit noch nie dagewesenem "Wow!"-Effekt - niemals war Geschichte spannender als mit Géraldine Schwarz' Büchern. Die französische Autorin macht (Geistes-)Wissenschaft zu einer aufregenden Lektüre, wie man diese eher seltenst im Bücherregal findet. "Wer wir waren, wer wir sind" ist mit 560 Seiten zwar nicht unbedingt dünn geraten, aber trotzdem hätten es gerne mehr, sogar viel mehr Seiten sein dürfen. Denn solch einen Streifzug durch die Historie Europas hat man garantiert noch niemals unternommen; nicht einmal mit einem Buch von Christopher Clark. Chapeau!

Susann Fleischer 
02.11.2026

 

Das Buch:

Géraldine Schwarz: Wer wir waren, wer wir sind - Eine Geschichte Europas. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke und Thomas Stauder

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Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 2026 560 S., € 32,00 ISBN: 978-3-7371-0250-6

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