Biographie
Ein Rudi für alle
Rudi Völler ist lebendige und leibhaftige deutsche Fußballgeschichte seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert. Zunächst begeisterte er die Massen als zielstrebiger und gewiefter Stürmer, später durfte er als Trainer die deutsche Nationalmannschaft in ein WM-Finale führen, bevor er schließlich in seiner zweiten Lebenshälfte als Fußball-Funktionär eine Karriere hinlegte, die ihm zu Spielerzeiten nicht viele prophezeit hätten. Rudi Völler lebte jeden Tag und jeden Moment für den Fußball und wurde dafür von Fußball-Fans geliebt unabhängig vom Wappen, das er auf der Brust trug, oder vom Verein, den er als Angestellter repräsentierte. In Hanau geboren, in einem Arbeiterviertel in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen war er mit seiner geradlinigen Art definitiv kein Angepasster, wurde aber dennoch von jedem respektiert. Rudi Völlers Vita ist eine beispiellose Geschichte im deutschen Fußball, die ihresgleichen sucht.
"Rudi Völler - Einer für alle" lautet der Titel der Biografie von Christoph Bausenwein, die dieser Tage im Werkstatt Verlag erschienen ist. Ein massives Buch im Hardcover-Format macht dem gewaltigen Inhalt alle Ehre. Der Autor ist ein renommierter Fußball-Historiker, der bereits zu vielen Persönlichkeiten oder Vereinen des deutschen Fußballs seine sehr geschätzten Ausführungen verfasst hat. Darüber hinaus verfügt er über eine gewisse Lebenserfahrung, die ihn bereits die Anfänge Rudi Völlers im deutschen Profifußball höchstpersönlich mitverfolgen ließ. Auf weit über 300 Seiten bietet das vorliegende Werk neben einer tollen Bebilderung eine längst überfällige Biografie über den Werdegang und das Wirken Rudi Völlers. Sehr detailliert weiß Bausenwein über die jungen Jahre des 90er-Weltmeisters zu berichten, auch die hierzulande weniger präsenten Episoden Völlers in Italien und Frankreich erfreuen den wissbegierigen Leser.
In seinem Vorwort nimmt Christoph Bausenwein sogleich Bezug auf das allseits bekannte Bonmot "Es gibt nur ein' Rudi Völler" und stellt die Frage, ob es vielleicht nicht doch mehrere Rudi Völlers gebe? Mit Blick auf die Struktur des vorliegenden Buchs differenziert Bausenwein zwar zwischen den drei Lebensrollen Völlers, dem Spieler, dem Trainer und dem Funktionär, verweist aber auf die Einzigartigkeit Völlers und negiert damit sogleich die eingehende Fragestellung. Der Autor hat tief gegraben in den Archiven und einige interessante Funde aus den jungen Jahren des Mittelstürmers Rudi Völler zu Tage gefördert. Bilder und Hintergründe zu Völlers Jugendvereinen in Hanau und Offenbach, wo er einst bei den dortigen Kickers in die Fußstapfen von Erwin Kostedde treten sollte, gefolgt von seinen Lehrjahren bei den Münchener Löwen in dem seinerzeit noch zweigeteilten Fußball-Unterhaus.
Der Autor lässt die achtziger Jahre Revue passieren und die erfolglosen Bemühungen Völlers lebendig werden, Titel mit Werder Bremen zu erzielen. Dies sollte ihm auf Vereinsebene schließlich erst bei AS Rom und Olympique Marseille vergönnt sein. Zentrale Highlights sind Völlers Auftritte in der Nationalmannschaft, wo er sich Kultstatus verdiente. Nach den vergeblichen Versuchen bei der legendären WM 1986 in Mexiko mit dem Finale gegen Maradonas Argentinier oder dem tragischen Scheitern bei der Heim-EM zwei Jahre später im Hass-Duell gegen die Holländer nimmt das Buch Anlauf auf die wunderbare WM 1990 in Italien, wo Völler trotz scheußlicher Ungerechtigkeiten im Achtelfinale gegen Holland im Finale schließlich den entscheidenden Strafstoß herausholte, der den Titel und die Revanche gegen die Argentinier bringen sollte.
"Rudi Völler - Einer für alle" ist ein extrem facettenreiches Buch, das jeglichen Informationsbedarf zu Rudi Völler bedient. Der Autor begibt sich dabei aber nicht in die einfache Rolle eines Claquers, der "Rudi Nationale" unreflektiert und bedingungslos hochjubelt, sondern er betrachtet die Person des Rudi Völler aus allen möglichen Blickwinkeln und kommt dabei auch nicht an der einen oder anderen Schattenseite Völlers vorbei. Im Gegenzug erklärt er daran, dank welcher Eigenschaften Völler dennoch seinen Kultstatus und seine Beliebtheit zementieren konnte.
Knapp 40 Euro für eine Biografie erscheinen zunächst recht weit oben angesiedelt, doch wird dieses Werk Christoph Bausenweins fortan als Opus magnum zu Rudi Völler geführt und herangezogen werden, wenn es um den Mann geht, der Fußball-Fans hierzulande bereits seit fast einem halben Jahrhundert begleitet und dabei zumeist begeistert hat.
Christoph Mahnel
02.11.2026
