Romane

Ein junger Hexer hat's schwer

Mit der Hexer- bzw. Geralt-Saga schuf Andrzej Sapkowski einen der erfolgreichsten europäischen Fantasy-Zyklen. Für zusätzliche Beliebtheit sorgte die Adaption durch den Streaming-Dienst Netflix als Serie unter dem Titel "The Witcher". Neulinge haben es mit der bereits in den 1990ern aus der Taufe gehobenen und danach sukzessive erweiterten Welt des Hexers allerdings zuweilen etwas schwer. Könnte da "Kreuzweg der Raben" den passenden Einstieg bieten?

Möglicherweise, denn der neueste Fantasy-Roman von Andrzej Sapkowski ist keine Fortsetzung, sondern ein Prequel zur Geralt-Saga. Dieses zeigt, wie es dem jungen Hexer direkt nach seiner Ausbildung in der legendären Bergfestung Kaer Morhen ergeht. Zu Beginn des Romans befindet sich Geralt bereits in ernsten Schwierigkeiten und schnell scheint die Lage sogar noch schlimmer zu werden. Nach weiteren Abenteuern kommt der Hexer schließlich sogar einer tödlichen Verschwörung auf die Spur.

Sapkowski hält sich zum Romanauftakt nicht mit langwierigen Vorreden auf, sondern präsentiert gleich zu Beginn einen Hexer in Gefahr, dessen Situation sich immer weiter zuspitzt. Auf den ersten Seiten ist also direkt für Spannung gesorgt. Nicht nur eingefleischte Fans der Reihe dürften Spaß daran haben, mitzuerleben, wie sich der unerfahrene Monsterschreck sowohl gegen menschliche als auch gegen unmenschliche Gegner schlägt und sich dabei teilweise noch schwer tut. Das ist eine willkommene Abwechslung gegenüber der in späteren Romanen oft ziemlich abgebrüht auftretenden Hauptfigur. Der Autor variiert zudem gekonnt das Tempo und schildert Geschehnisse teilweise auch rückblickend oder in eingestreuten Briefen. Zur näheren Einordnung schaltet sich an einigen Stellen eine Erzählerstimme ein und erweitert so die Perspektive.

Allerdings gerät die Geschichte nach dem spannenden Auftakt teilweise recht episodenhaft. Geralt hat im Mittelteil des Bandes diverse kleinere Abenteuer zu bestehen, die sich auf den ersten Blick eher als Kurzgeschichten - von denen es im Hexer-Zyklus einige gibt - geeignet hätten. Hier verliert der Roman etwas an Intensität und wirkt manchmal zu sehr gerafft. Im letzten Drittel des Buchs gelingt es Sapkowski dann aber viele der losen Fäden gekonnt zu verweben und packenden Rachefeldzug mit durchaus überraschendem Ende zu schildern.

Das Prequel ist so geschrieben, dass sich auch Neueinsteiger problemlos zurechtfinden dürften. Um die eigentliche Handlung zu entlasten, stellt der Autor den einzelnen Kapiteln zudem Zitate aus echten oder fiktiven Quellen vor. Das erweist sich als gute Idee. Denn so versetzt Sapkowski seine Leserschaft immer wieder in die passende Stimmung oder er liefert geschickt Hintergrundinformationen, die in den eigentlichen Kapiteln nicht umständlich thematisiert werden müssen.

"Kreuzweg der Raben" ist ein ansprechender Fantasy-Roman, der sowohl Fans als auch Neueinsteiger abholt. Erstere dürfen nicht nur weitere Abenteuer mit Geralt erleben, sondern erfahren auch Neues über seine Vergangenheit. Letztere können mit dem Roman problemlos in die Welt des Hexers eintauchen.

Ingo Gatzer 
28.09.2026

 

Das Buch:

Andrzej Sapkowski: The Witcher - Kreuzweg der Raben. Aus dem Polnischen von Erik Simon

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München: dtv 2026 352 S., € 18,00 ISBN: 978-3-423-26480-8

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