Krimis & Thriller
Not-so-cosy-Crime made in Britain: Dieses Romandebüt steckt voller grandios-grausamer Figuren und feinstem britischen Humor
London, 1968. Die Ära der Miniröcke und der Beatles ist angebrochen. Nicht jedoch in der Atbara Avenue. Denn hier legt man noch Wert auf die guten alten Manieren: Man grüßt seine Nachbarn, kümmert sich ansonsten aber um seine eigenen Angelegenheiten. Der Kirchenbesuch ist nicht wegzudenken, der Tee wird penibel warmgehalten und die Autos werden wöchentlich gewaschen. Doch wenn man etwas genauer hinsieht, entdeckt man, dass sich selbst hinter den gestärkten Gardinen der beschaulichen Vorstadtstraße und einem freundlichen Lächeln die dunkelsten Geheimnisse verbergen können: uralte Flüche, verblasster Glamour und mehr als ein kaltblütiger Mörder. Herzlich willkommen in der Atbara Avenue, wo noch alles so ist wie zu Queen Victorias Zeiten.
Da ist zum Beispiel die verwitwete Nuriel Dollimore, die bitterlich um ihre verpasste Gesangskarriere trauert. Man könnte sie glatt für eine reizende alte Damen halten, eine geschätzte Konstante in der Dramaturgie des örtlichen Lebens. Gäbe es da nicht ihre Tochter Pauline, die mit Mitte vierzig noch immer verzweifelt versucht, ein braves Mädchen zu sein, aber ihre Mutter einfach nicht zufriedenstellen kann. Oder die Zwillingsbrüder Reginald und Richard "Dicky" Pyles: Schon als Kind musste Reginald immer besser sein als Dicky und andersherum. Rivalität statt Geschwisterliebe - eine nicht enden wollende Abfolge von Wettkämpfen, deren hart umfochtener Preis immer derselbe war: Individualität. Bis es eine von ihnen zu weit treibt. Und natürlich viele andere weitere "Opfer" und "Täter" ...
Literatur zum Dauerschmunzeln - dass Mord und Totschlag durchaus Spaß bereiten können, beweist Gay Marris mit ihrem Erstling. "Kleine Morde erhalten die Nachbarschaft" liest sich zwar eher wie eine Kurzgeschichten-Sammlung, aber das macht die Lektüre umso interessanter, überraschender du einfach unkonventioneller. Diese ist so anders als das meiste andere im Bücherregal, weshalb jeden Satz mit ganzem Herzen genießt. "Anita" auf Amazon schreibt dazu: "Skurril und ideenreich (...)so lebendig und voll böse-britischer Zwischentöne und kleiner Wendungen, dass es schwer fällt zu glauben, dass es sich um ein Debut handelt. Sehr gekonnt und unterhaltsam - ein Mosaik der Boshaftigkeiten, gar nicht cosy, aber liebevoll erzählt." Dem ist nichts hinzuzufügen!
Auf der Suche nach amüsanter Unterhaltung mit genau der richtigen Prise an Spannung? Dann kaufen Sie unbedingt "Kleine Morde erhalten die Nachbarschaft" und Sie werden ein ganz wunderbares Lektürevergnügen erleben. Gay Marris legt hier ein Debüt hin, das Langeweile ab dem ersten Satz beendet, außerdem jede Laus von der Leber vertreibt. Not-so-cosy-Crime kann eben doch ziemlich gemütlichen und zum Wohlfühlen sein; zumindest wenn diese Gay Marris' Feder entstammt.
Susann Fleischer
12.01.2026
