Hörbücher
In den Fängen der Geschworenen
Die beruflichen und privaten Ambitionen von Simon Latch konvergieren zielsicher gegen Null. Als Anwalt landen seit Jahren bei ihm nur triviale Aufträge wie das Aufsetzen von unspektakulären Testamenten. Private Verlockungen in der Ehe mit seiner Frau sind ihm über die Jahre fremd geworden. Lediglich die drei gemeinsamen Kinder haben das Familienkonstrukt am Leben gehalten, doch nun hat ihm seine Frau offenbart, dass sie sich von ihm trennen möchte. Da marschiert eines Tages Eleanor Barnett in seine Kanzlei und wünscht, dass Simon ihr ein neues Testament aufsetzt. Angeblich hat Eleanors bereits verstorbener Ehemann zeit seines Lebens mit Aktien ein glückliches Händchen besessen und den beiden ein Multi-Millionenvermögen angehäuft. Die beiden missratenen Stiefsöhne sollen nichts vom Erbe erhalten, statt dessen möchte sie sich mit Simon beratschlagen, wie ihr Geld bestmöglich Verwendung finden kann. Simon wittert dabei als Treuhänder die Möglichkeit, ein sattes Stück von diesem saftigen Kuchen abzubekommen.
Trotz der verheißungsvollen Aussichten mach sich bei Simon leichte Skepsis breit. Zum einen wird sich das bestehende Testament, das Eleanor bei einem Kollegen von Simon hat anfertigen lassen, prinzipiell nicht ändern, und zum anderen laufen jegliche Nachfragen von Simon bezüglich des Aktiendepots von Eleanor ins Leere. Als schließlich Eleanor im angetrunkenen Zustand einen Autounfall fabriziert und im Krankenhaus landet, verschlechtert sich dort ihr Zustand zusehends. Wenige Tage später ist Eleanor tot und Simon rückt angesichts von Motiv und Gelegenheit in den sehr überschaubaren Kreis der Verdächtigen, da sich nach der Obduktion eine Vergiftung von Eleanor als Todesursache herausgestellt hat, ausgelöst durch Kekse, die Simon ihr ins Krankenhaus hat liefern lassen. Simon wird angeklagt und realisiert rasch, dass seine Chancen äußerst schlecht stehen. Stattdessen bietet sich ihm nur ein einziger Ausweg, nämlich auf eigene Faust Recherchen anzustellen und dem Mörder von Eleanor auf die Schliche zu kommen.
"Das Vermächtnis" lautet der Titel von John Grishams neuestem Roman. Eulen nach Athen tragen, hieße es, über John Grishams Opus ins Schwärmen zu geraten. Der US-Amerikaner ist seit Jahrzehnten eine gesetzte Größe auf dem Büchermarkt. Über dreißig Justiz-Romane hat Grisham seit "Die Jury" und "Die Firma" in seinem Leben produziert. Zahlreiche Verfilmungen haben seine Vormachtstellung in diesem Genre untermauert. Für einen Mann in den Siebzigern legt Grisham darüber hinaus noch eine enorme Kondition an den Tag, da er pro Jahr mindestens einen Roman veröffentlicht. Mit seinem Hintergrundwissen als studierter Jurist und Anwalt ist er natürlich prädestiniert dafür, seine Handlungen primär im Gerichtssaal spielen zu lassen, dort für jedermann verständlich Feinheiten des amerikanischen Justizwesens auszuloten und diese in den Mittelpunkt seiner Romane zu rücken.
Für das vorliegende Hörbuch, das zeitgleich zur deutschsprachigen Buchausgabe bei Random House Audio erschienen ist, sorgt ein weiterer Veteran für eine höchst anerkennenswerte Leistung. Mit Charles Brauer, dem ehemaligen Hamburger "Tatort"-Kommissar aus dem vergangenen Jahrhundert, sitzt ein Ü90-Sprecher hinter dem Mikrofon und beweist über knapp 17 Stunden hinweg in der ungekürzten, ausschließlich als Download verfügbaren Fassung seine außerordentliche stimmliche Meisterschaft. In der auf zwei mp3-CDs ausgelieferten gekürzten Variante wurden knapp zwei Stunden gekappt, was dem Hörvergnügen allerdings keinen Abbruch tut.
John Grisham ist es mit "Das Vermächtnis" wieder einmal gelungen, seine Leser und Hörer emotional zu packen, mit einer Ungerechtigkeit am Protagonisten, der nicht uneingeschränkt als Sympathieträger daherkommt. Grisham liefert eine ganze Menge an Fährten, die es wert sind verfolgt zu werden, doch geht er dabei sehr behutsam vor und fällt keineswegs mit der Tür ins Haus. So verfestigt sich peu à peu eine nachvollziehbare Story, bei der man sich fragt, ob man in einer ähnlichen Situation nicht genau so agiert hätte und in die Bredouille geraten wäre. Alles in allem hat Grisham zum wiederholten Male alles richtig gemacht und beste Unterhaltung abgeliefert, so dass der Kauf von "Das Vermächtnis" keine Frage ist, sondern für Grisham-Fans und Menschen, die gute und spannende Unterhaltung zu schätzen wissen, eine ganz hervorragende Entscheidung.
Christoph Mahnel
18.05.2026
