Krimis & Thriller
Die Schein-Heldin
Clara Lofthus hat nach den aufwühlenden Vorkommnissen während ihrer Amtszeit als norwegische Justizministerin ihren Wirkungskreis nach Afrika verlegt. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi lebt sie mit ihrem Lebensgefährten und ihren beiden Söhnen und engagiert sich an einer Schule, um den wissbegierigen jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Doch als der norwegische Entwicklungshilfeminister der Schule einen Besuch abstattet, von dem sich Clara im Nachgang Fördermittel erhofft, kommt es zur Katastrophe. Bewaffnete überfallen die Schule, zahlreiche Tote und Verletzte sind zu beklagen. Clara gelingt es noch, wagemutig das Leben einiger Schüler und Schülerinnen zu retten, doch auch sie wird verletzt und muss einige Zeit im Krankenhaus verbringen.
Überlegungen über eine Rückkehr nach Norwegen waren bereits vor dem Massaker gegenwärtig, doch letztlich sind es nicht ihre Wunden, sondern reines Kalkül, das Clara dazu bewegt, ihren Liebsten mitzuteilen, dass es zurück nach Oslo geht. Eine schwächelnde norwegische Ministerpräsidentin benötigt ein starkes Kabinett, und so erhält Clara von höchster Stelle die erhoffte Offerte, die sie natürlich nicht ausschlagen wird. Eine zweite Amtszeit als Justizministerin bietet ihr nämlich die Chance, diejenigen Vorhaben, die sie Jahre zuvor nicht hatte umsetzen können, zu verwirklichen. Doch gibt es in Norwegen Menschen, die sowohl wissen, welche grausamen Taten Clara Lofthus einst begangen hat, als auch sich weigern, die Justizministerin als die Heldin von Nairobi darzustellen.
"Düsteres Tal" lautet der abschließende Teil der Trilogie um Clara Lofthus. Ruth Lillegraven, eine preisgekrönte norwegische Autorin, hat sich mit ihrer nervenaufreibenden Geschichte um Clara, die Anti-Heldin, ganz weit nach vorne in die Bestseller-Charts katapultiert. Vor vier Jahren war mit "Tiefer Fjord" der Auftakt der Trilogie erschienen, an dessen Ende Clara für das Ableben ihres Ehemanns gesorgt hatte. Ganze drei Jahre lang mussten sich die Leser gedulden, bevor mit "Dunkler Abgrund" die Geschichte weitergesponnen wurde und in dessen Mittelpunkt Claras erste Amtszeit als Justizministerin und die scheinbare Entführung ihrer Söhne stand. Nun kommt es im vorliegenden Buch nach dem Abstecher nach Kenia zum Showdown im Westen Norwegens, in der Heimat von Clara und ihrem früh verstorbenen Bruder Lars.
Die Autorin versteht es ganz hervorragend, den Leser bei der Stange zu halten. Kurze Kapitel tragen dazu bei, dass das Interesse am Fortgang der Geschichte hochgehalten wird. Der kurzweilige Schreibstil der Autorin wird getragen durch geschickte Perspektivwechsel. Ruth Lillegraven hat sich für mehrere POV-Charaktere entschieden, jedoch mit einer gewissen Asymmetrie. Während die Kapitel aus Claras Perspektive in der Ich-Form erzählt werden, müssen sich alle anderen mit der dritten Person begnügen. Dem Leser wird jeweils zu Beginn eines Kapitels angekündigt, aus wessen Perspektive die nächsten Seiten im Buch geschildert werden.
Eingebettet wird die Handlung in "Düsteres Tal" in einen Strang um Erik Heider, der als Talkmaster in seiner letzten Sendung Clara Lofthus zu Gast hat und unfreiwillig als Steigbügelhalter für ihren Wiedereinstieg in die Politik fungiert. In der Folgezeit verbeißt sich Heider in Clara als Person, die nicht zu sein scheint, was sie zu sein vorgibt. In seinen Podcast-Folgen vergräbt er sich immer tiefer in die dunklen Flecken auf Claras ganz und gar nicht lupenreiner Weste. Die Autorin hat mit Heider den Motor geschaffen, der die Handlung maßgeblich vorantreibt und die Trilogie auf ihren Höhepunkt hin rasen lässt. Ruth Lillegravens Trilogie über Clara Lofthus war für das Thriller-Genre ein echtes Highlight in den letzten Jahren. Doch es bleibt ob des teilweise offenen Endes ein Rest Hoffnung bestehen, dass die Autorin eines Tages eine Fortsetzung vom Stapel lassen wird.
Christoph Mahnel
22.12.2025
