Hörbücher
Mit Volldampf in die Urkatastrophe
Die ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts lassen sich am richtigen Ort noch recht leicht leben. Ob in England, Frankreich oder Deutschland, Vicky, Paul und Auguste samt ihren Familien haben Sorgen, doch auch viele Freuden. Vor allem Vicky aus gutem englischen Hause stammend und der Berliner Industrielle Paul haben sich für ihre jeweils zweite Ehe gesucht und gefunden. Nachdem sie sich bereits knapp dreißig Jahre gekannt und einige inkonsequente Annäherungsversuche gewagt hatten, haben sie sich zum Ende des vorangegangenen Jahrhunderts hin das Ja-Wort gegeben. Aus ersten Ehen führten sie Kinder und Kegel zusammen, um diese in einer Patchwork-Familie zu orchestrieren, ohne dass man in der damaligen Zeit diesen Begriff bereits gekannt oder verwendet hätte. In Frankreich florieren Augustes Gastronomie-Projekte, während seine drei Kinder sich auf völlig unterschiedliche Weisen in Selbstverwirklichung versuchen.
Die drei Protagonisten Vicky, Paul und Auguste hatten bereits in Peter Pranges im Vorjahr erschienenen Roman "Herrliche Zeiten - Die Himmelsstürmer" mit ihrer Umtriebigkeit und Lebenslust für Furore gesorgt. Nicht einmal ein ganzes Jahr später hat der aus dem Sauerland stammende Autor nun den zweiten Teil dieser Duologie vorgelegt: "Herrliche Zeiten - Dem Himmel so nah". Neben der Buchausgabe hat der Argon Verlag in gewohnter Weise für zwei vertonte Varianten gesorgt. Eine ausschließlich zum Download zur Verfügung stehende ungekürzte Version sowie die vorliegende, auf zwei mp3-CDs daherkommende leicht gekürzte Ausgabe, die mit gut vier Stunden weniger Laufzeit allerdings ohne Einschränkungen empfohlen werden kann. Für beide Vertonungen hat Frank Arnold am Mikrofon wieder einmal hervorragende Arbeit abgeliefert. Wie schon bei den vorangegangenen Mehrteilern von Peter Prange beweist der in Berlin geborene Sprecher erneut seine ganze Klasse.
Peter Prange habe eigenen Angaben zufolge nach seinem Studium die Möglichkeit gehabt, das elterliche Bettengeschäft zu übernehmen. Doch glücklicherweise entschied er sich nach einigen Berufsjahren in der Wirtschaft für eine Schriftstellerkarriere. Schon in den Neunzigern und den Nuller Jahren waren Prange einige passable Werke beschieden. Seinen Durchbruch feierte er jedoch erst 2016 mit "Unsere wunderbaren Jahre", einer später auch fürs Fernsehen verfilmten Geschichte über eine Industriellenfamilie aus dem Sauerland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Fortan widmete sich Prange mit großem Erfolg dedizierten Epochen deutscher Geschichte, die er in einem Mix aus fiktiven und realen Personen mit viel Herz und Hintergrundwissen konzipierte. Sowohl "Der Traumpalast" als auch "Eine Familie in Deutschland" waren als Duologien Bestseller. Nun hat er mit "Herrliche Zeiten" einen weiteren Zweiteiler vollendet, der ein knappes halbes Jahrhundert umfasst und über die Grenzen Deutschlands hinaus wirkt.
Viele Schauplätze und Heerscharen von handelnden Personen treten in "Herrliche Zeiten - Dem Himmel so nah" in Aktion. Einige davon kennt man noch aus dem ersten Teil, muss aber ob der teilweise komplexen Familienverhältnisse in sich gehen, um sich die Verflechtungen wieder zu vergegenwärtigen. Sehr hilfreich ist es dabei, dass auf den beiden Innenseiten der CD-Hülle eine ausführliche Liste der handelnden Personen abgedruckt ist. Doch Vorsicht ist geboten, denn einige der die jeweilige Person beschreibenden Hinweise können gerade zu Beginn den Hörer spoilern. In dieser Liste sind historisch verbürgte Personen explizit gekennzeichnet, was beim interessierten Hörer sogleich parallele Recherchen triggern wird. Viele geschichtlich relevante Ereignisse werden aktiv in die Handlung eingeflochten, wie der Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika oder das Attentat an Jean Jaurès, einem französischen Pazifisten.
Peter Prange hat in seiner Duologie "Herrliche Zeiten" einen bunten und breiten Bogen über den europäischen Kontinent gespannt. Mit facettenreichen Charakteren hat er diese Epoche erlebbar gemacht und dank seines einfühlsamen Schreibstils Leser und Hörer sich freuen und mitleiden, bangen, hoffen und trauern lassen. Die jüngere deutsche Geschichte hat Prange mit seinen vier Duologien nun weitestgehend abgedeckt. Das Kaiserreich bis zum Ersten Weltkrieg, die Zeit der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus mit Eintritt in den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung, für die letzten 150 Jahre hat Peter Prange innerhalb von zehn Jahren beinahe lückenlosen Geschichtsunterricht betrieben. Man darf gespannt sein, welche historischen Hintergründe der umtriebige und fleißige Schriftsteller für seine nächsten Romane auswählen wird.
Christoph Mahnel
10.11.2025
